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725 Jahre Blankenese – im „glücklichen“ Schnelldurchgang

725 Jahre Blankenese – im „glücklichen“ Schnelldurchgang

725 Jahre Blankenese – im „glücklichen“ Schnelldurchgang

Ein sachkundiger, nachdenklicher, mit Augenzwinkern gehaltener Vortrag vom Historiker Dr. Jan Kurz bei der 725-Jahr-Feier von Blankenese 2026. Er weist mit der Geschichte nach, wo sich „Ankerpunkte des Glück“ in Blankenese finden.

725 Jahre Blankenese sind zu feiern. Eine lange Zeit, die ich – wir leben in schnellen Zeiten – ihnen in 725 Sekunden vorstellen darf. Fangen wir sofort an.

Zunächst eine Rechenaufgabe:
2026 minus 725 ist? Richtig, 1301, also das Jahr 1301. Blankenese taucht aus dem Grau der Geschichte auf.
Wie immer in Blankenese, ging es auch hier von Anfang an um das liebe Geld. Graf Adolf der Sechste, immer in Finanznöten, verpachtet die Fähre und ihre Erträge an die Ritter von Raboisen. Die Lebenshaltung als Landesherr war schon damals nicht billig und Kriege mussten auch geführt werden. Die Ritter von Raboisen leisteten dem Grafen daher Söldnerdienste und strichen über die Einkünfte die Soldzahlungen zuzüglich Zinsenein. Danke dafür, möchte man sagen. Denn ohne diesen Deal würden wir jetzt nicht hier stehen.

VI-Suellberg-Boote1904
Süllberg 1904

Vielleicht würden wir anstatt heute erst in 34 Jahren auf die Idee der Feier kommen. 2060 nämlich. Denn dann könnten wir gleich 1.000 Jahre Geschichte feiern. 2060 minus 1000 ist 1060. Das ist das Jahr, in dem Erzbischof Adalbert von Bremen, ausgerechnet Bremen, auf dem Süllberg eine Burg bauen ließ. Auch ihm ging es um das liebe Geld, nämlich das, das die Fähre einbrachte. Die musste gesichert werden gegen Überfälle, also doch eigentlich gegen Angriffe auf das Vermögen des Bremers. In der entsprechenden Urkunde fällt aber nur der Name Sollenberg gleich Süllberg. Der Süllberg also ist der erste Ankerplatz in der Ortsidentität. Blankenese gleich Blanke Nase wird in dieser Quelle nicht genannt. Glück gehabt also, denn wir wollen mit unserer Feier ja nicht bis 2060 warten.

Und das Glück bleibt uns hold für die Feier. Wie gerade erwähnt, leitet sich der Name Blankenese wahrscheinlich von der Blanken, also weißen oder glatten Nase ab. Das war eine am Strand in die Elbe ragende Sandbank. Und beinahe wäre es damit schief gegangen: Denn: Wir schreiben das Jahr 1634 und erleben die verheerende Burchardiflut. Pellworm geht unter, Alt-Nordstrand verschwindet in den Fluten, Eiderstedt hat Land unter. In Blankenese räumt die Sturmflut nur genannte Blanke Nase ab. Bummelige 200 Jahre, bevor die systematische Elbvertiefung durch uns Menschen beginnt.

BlankeneserSand
Blanckeneßer Sandt

Hamburg hat keine Hammaburg mehr, Blankenese hat keine Blanke Nase mehr. Der Name aber, Blankenese, hatte sich in den 330 Jahren seit der ersten Erwähnung zum Glück so festgesetzt, dass er erhalten blieb. Ein zweiter Ankerpunkt. Und was für ein Glück wiederum, sonst hätte sich vielleicht Dockenhuden als Name durchgesetzt. Das bestand schon vor Blankenese. In diesem Fall hätten wir die Feier zum 800 jährigen Geburtstag leider um sechs Jahre verpennt, denn Dockenhuden findet sich bereits seit 1020 in den Urkunden.

Auch bei der nächsten Gelegenheit können wir von Glück für Blankenese sprechen. Als nämlich 1640 der letzte Graf der Schauenburger verstarb, geriet Blankenese in die Erbmasse. Einige Parteien stritten um die Nachfolge. Letztendlich machte der dänische König Nägel mit Köpfen, schickte seine Truppen und erklärte sich zum neuen Herrn über die Grafschaft Holstein-Pinneberg. Und damit über deren eigentliches Herzstück: Blankenese natürlich.

Zur Disposition als Landesherr hätte noch das Hause Oldenburg gestanden – das wäre allerdings leider das Oldenburg gleich bei Bremen! Was dann aus Blankenese geworden wäre, sehen wir keine 30 Kilometer nordwestlich von hier, in Barmstedt. Heute ist es die kleinste Stadt im Kreis Pinneberg und auch bekannt als „Schusterstadt“. Blankenese
„Schusterstadt“?

Glück gehabt, dass Blankenese „bei seinen Leisten“ geblieben ist und unter der dänischen Flagge in den nächsten 2 Jahrhunderten eine stetig wachsende Fischereiflotte entwickelte. Diese strebte bald aus der Elbmündung heraus und auf die Nordsee. Hier lagen die guten Fanggebiete. Von hier aus konnte der Fisch gleich auf die Märkte in Holland gebracht werden. Zu guten Preisen natürlich. Das Treppenviertel und seine alten Fischer- und Lotsenhäuser zeugen bis heute davon.

Fischerboote1901
Fischerboote1901

Und hier haben wir den dritten Ankerpunkt für eine besondere Blankeneser Identität. Der Süllberg überragt die Elbe, der Name überdauert das Abräumen der Sandbank. Die Fischerei und dann die Handelsschifffahrt werden aber die Grundlage für das typische Narrativ der Blankeneser Seeleute. Finkenwerder hat zwar seine Scholle, Blankenese aber hat die weite Welt der globalen Schifffahrt. Blankenese und Seefahrt, das wird in einem Namen genannt.

Von Glück für Blankenese können wir auch 1867 sprechen.
Ein Jahr vorher war Schleswig-Holstein preußisch geworden. Das empfanden nicht alle als Glück. Der Bahnhof von 1867 aber sollte sich bald als Glücksfall erweisen: Zum Glück hieß zum Beispiel die Station Blankenese, auch wenn sie auf Dockenhudener Gebiet lag. Zum weiteren Glück war die Bahnfahrt bald erschwinglich, und so konnten die Touristen nach Blankenese kommen. Was heute gerne als „overtourism“ diskutiert wird, entwickelte sich in Blankenese schon vor über 120 Jahren.

F.-Bahnhof-1890

Wahre Menschenmassen strömten am Wochenende hierher. Über 50.000 zählten die Norddeutschen Nachrichten stolz zu den Osterfeiertagen. Ein Lokal nach dem anderen öffnete seine Pforten, denn hier ließ sich was verdienen. AirBNB war zwar noch nicht erfunden, aber in Blankenese räumten die Einwohnerinnen und Einwohner gerne für gutes Geld ihre Zimmer für die Gäste. Hektoliter Bier wurden auf dem Süllberg, am Strand und in den zahllosen Lokalen ausgeschenkt.

1.Seite.Osterfeuer
Osterfeuer

Viele kennen bestimmt das Lied „Elbvororte Partymeile“ aus dem Jahr 2015. Ich zitiere:
„Mein Geld und ich/ Hamburg West/ Wir sind stets dicht/ in Hamburg West/ Elbvororte Wodka kaufen/ heute mach ich Komasaufen/ Stammbesuch im Krankenhaus/ die pumpen mir den Magen aus/ scheiß drauf, ich bin heiter/ Flasche her, es geht gleich weiter“.
Dieses Lied hat eine über 150 Jahre alte Vorgeschichte in Blankenese. Feiern hat hier Tradition.
Auch die feineren Kreise waren mit dabei. So ließ es sich sogar der dänische König Christian der Achte 1840 nicht entgehen, einer Einladung Georg-Friedrich Baurs zu einem großen Fest in den Katharinenhof zu folgen. Vielleicht ein Grund, warum den Dänen der Abschied von Blankenese später so schwer fiel.

Überhaupt die Parks. Sie bilden einen weiteren Glücksfall für Blankenese. Nicht nur dadurch, dass ihre Bauherrn wie die Baurs, die Godeffroys oder die Klünders Geld in den Ort brachten. Diese „ Superreichen“, wie wir sie heute nennen würden, prägten das Bild des Ortes.

Lindenallee.Hirschpark
Lindenallee.Hirschpark


Was wäre Blankenese ohne seine Parks? Das ist eine immer wieder in den Quellen auftauchende, fast panische Frage. Und in der Tat waren und sind die Parks wichtig. Und das nicht nur für deren alte Besitzer. Ob als Holzlieferant und sogenanntes Grabeland für den Anbau von Gemüse in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ob nachts als Partymeilen für die Jugend in Corona. Oder tagsüber als Ort der Erbauung für Ruhe suchende Großstädter. Die Parks waren von Anfang an wichtig für den Ort, sie bilden einen vierten Ankerpunkt. Es war insofern kein Wunder, dass sie, wo immer möglich, von der Blankeneser Gemeinde aufgekauft wurden.

Doch diese Blankeneser Gemeinde gibt es ja eigentlich nicht mehr. Für die einen war es ein Glück, für viele war es zunächst das große Unglück, was in den Jahren zwischen 1918 und 1938 geschah: zunächst 1919: die Gemeinde Dockenhuden wird von der Gemeinde Blankenese geschluckt. Glück gehabt, dass es nicht andersherum gelaufen ist. Dann der Schock 1927: die Gemeinde Blankenese wird von Altona geschluckt. Pech gehabt, dachte man früher. Blankenese ist nun Teil des „roten Altonas“. Doch nicht lange und 1938 wird Altona von Hamburg geschluckt. Blankenese ist nun Hamburgisch.
Auch wenn in Blankenese heute immer noch vom Dorf gesprochen wird, von dem man „in die Stadt“ oder „nach Hamburg“ fährt. Traurig ist heute wohl kaum einer über diese Angliederung an die Großstadt. Quintessenz: Hätte es die Eingemeindung 1927 nicht gegeben, würden wir heute alle mit Pinneberger Nummernschild durch die Gegend fahren. Insofern: Glück gehabt.

Überhaupt verbinden viele Menschen es mit Glück, in Blankenese zu wohnen. Auch das ist nicht neu. Seit bald 150 Jahren machen sich die Gelehrten darüber Gedanken, was den besonderen Reiz, den „Mythos“ des Ortes ausmacht. Dabei hat Blankenese alle Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte in den letzten 100 Jahren mitgemacht. Von der Weltwirtschaftskrise 1929 über den hier euphorisch begrüßten Aufstieg der Nazis bis hin zum Zweiten Weltkrieg und dem Menschheitsverbrechen der Shoa. Auch Blankenese hat lange Zeit dazu geschwiegen und erst in den letzten 20 Jahren mit der Aufarbeitung und Erinnerung begonnen. Und doch sind es heute gerade Elemente wie diese Erinnerung, die den Ort verbinden: Wenn jedes Jahr um den 9. November alle Schulen und Jugendgruppen von Vereinen gemeinsam Stolpersteine putzen und den Toten gedenken.

Denn hierin zeigt sich das besondere Gemeinschaftsgefühl des Ortes. Eine ganz eigene Identität, die viel aus der Geschichte von Blankenese zieht. So werden schnell die Proteste laut, wenn „Altona“ uns die Osterfeuer verbieten möchte, die seit Jahrhunderten am Strand leuchten. Und kaum hat es etwas unter Null Grad, und schon triffl man sich auf Schinckels Wiese zum Kreeken. Die Kreek als Transportmittel ist in Blankenese ebenfalls schon sehr lange bekannt. Und überhaupt: Weihnachten in Blankenese ohne Pfahlewer in den Bäumen und an den Fenstern? Das ist kaum vorstellbar. Gerade der Pfahlewer aber ist als das typische Fischereifahrzeug das Symbol für die Geschichte des Ortes. Das sind nur einige Beispiele dieser besonderen Geschichte und Identität in einem besonderen Ort.

Bedanken wir uns bei den historischen, vor allem aber den lebendigen Menschen, die viel Zeit und Engagement investieren, dass diese Elemente am Leben bleiben. Und hier und heute ganz besonders bei den Kolleginnen und Kollegen der IG Blankenese, die dieses Fest organisieren. Ohne sie und ihr Engagement ständen wir jetzt nicht hier. Glück für Blankenese und für uns, dass es euch gibt.

Vielen Dank.

Förderkreis Historisches Blankenese e.V.
Dr. Jan Kurz, Vorstand
Blankeneser Hauptstraße 129
22587 Hamburg

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