Krakau war vor dem zweiten Weltkrieg die Stadt in Europa mit der größten jüdischen Gemeinde. Auch heute sind überall noch Spuren jüdischen Lebens zu sehen. Vera Klischan hat Krakau besucht.
Während meiner drei Tage in Krakau, in einer jungen, sehr lebendigen Stadt, sind die Spuren jüdischen Lebens an vielen Stellen zu sehen. Im jüdischen Viertel Kasimierz, im ehemaligen Ghetto Podgórze oder am eindrucksvollsten in den Lagern Auschwitz und Birkenau konnte ich nachvollziehen, wie die jüdischen Menschen gelebt, aber auch gelitten haben.
Der erste Eindruck der polnischen Stadt ist von großer Lebensfreude geprägt. Es gibt unzählige kleine und große Cafes, Bistros und Restaurants. Alle sind nahezu den ganzen Tag über gut besucht.
Das Herz von Krakau schlägt auf dem großen Marktplatz, in dessen Mitte die eindrucksvollen Tuchhallen stehen. Unzählige Gruppen bevölkern den Platz, kaufen kleine Souvenirs in Innern der Tuchhallen, stehen vor den Straßenmusikern, die von Breakdance begleitet werden oder besuchen die wunderbare Marienkirche. Ich beginne zu verstehen, warum Krakau zu den beliebtesten Reisezielen in Europa gehört. Wenn ich die vollen Straßen betrachte, glaube ich das sofort.
Aber neben der lebensfrohen Stadt liegt nicht weit entfernt Auschwitz mit seiner schrecklichen Vergangenheit. Schon auf dem Parkplatz zeugt die Anzahl der Reisebusse von einem riesigen Besucherstrom. Es sind hauptsächlich Jugendgruppen aus den unterschiedlichsten Ländern. Wir werden durch eine Sicherheitskontrolle geschleust und von unserer Führerin in Empfang genommen. Unser Weg durch das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte führt uns durch das große Gelände, das sich seit meinem ersten Besuch 1987 sehr verändert hat. Alles ist sehr gepflegt. Baumreihen säumen die schmalen Wege zwischen den Häusern der ehemaligen Deportierten. Die frühere Brutalität des Ortes vermittelt sich nicht auf den ersten Blick. Das ändert sich mit Betreten der Gebäude. Wir gehen durch Räume mit Bergen von Schuhen, Brillen und Kleidung. Wir sehen unzählige Kennkarten der Menschen, Fotos, lange Namenslisten. Auch Berge von abgeschnittenen Haaren erinnern daran, dass hinter jedem Schuh, jeder Brille ein Mensch stand, vielleicht eine Mutter, ein Vater, ein Sohn mit Plänen und Träumen für sein Leben.










Wir fahren mit dem Shuttlebus ins benachbarte Lager Birkenau. Dort vermittelt sich die Lageratmosphäre unmittelbar. Der Blick geht über weite Wiesenlandschaft, in der verstreut die Baracken der ehemaligen Häftlinge liegen. Eine große Ruhe liegt über dem gesamten Gelände. Wir gehen nahezu schweigend den langen Weg entlang der Bahnschienen bis zu den Gaskammern und Krematorien. 1,1 Millionen Menschen haben hier den Tod gefunden – durch die deutschen Nationalsozialisten. Gehe ich hier anders durch als ein Franzose oder Engländer? Schuldig bin ich – nach dem Krieg geboren – nicht, aber zugehörig zum Volk der ehemaligen Täter. Das unterscheidet mich von vielen der anderen Besucher. Unweigerlich kommen mir aktuelle politische Entwicklungen in den Sinn. Dass sich solche Massenvernichtung wiederholt, will ganz sicher niemand in Deutschland. Aber welche rechtspopulistischen Tendenzen an Ausgrenzung und Europafeindlichkeit erleben wir gerade in unserem Land? Auf meinem Weg durch die Wiesen in Birkenau wird mir die Aktualität, die Bedeutung solcher Mahnstätten deutlich, um zu zeigen wohin Rassismus, Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit und diktatorische Herrschaft führen können. „Nie wieder“ darf nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit sein, sondern muss ein Auftrag für Gegenwart und Zukunft bleiben.


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