Home 9 Freitagsgedanken 9 AM BODEN – Über das Innehalten und die Wahrnehmung dessen, was ist.

AM BODEN – Über das Innehalten und die Wahrnehmung dessen, was ist.

AM BODEN – Über das Innehalten und die Wahrnehmung dessen, was ist.

AM BODEN – Über das Innehalten und die Wahrnehmung dessen, was ist.

(Freitag, 21. August 2026) Am frühen Morgen drehe ich meine Runde: von der Landstraße durch den Schinkelpark zum Bismarckstein, über den Elbhöhenweg und den Süllberg zurück nach Hause. Die Straßen sind still, die Luft ist rein, die Geräusche von beinahe surrealer Klarheit. Die ersten Vögel stimmen an, über dem Waldboden liegt die Feuchtigkeit der Nacht. Zwischen den Bäumen öffnet sich immer wieder der Blick auf den Strom: auf den Stand der Gezeiten, den Wellengang und die Spiegelung des Himmels. Ein Containerschiff zieht vorüber. Eine Möwe steht im Wind. Das Wasser ist grau, silbern oder blau, aber nie lange dasselbe. In solchen Augenblicken geschieht etwas Einfaches: ES IST..

Diese Erfahrung des reinen Seins ist für mich zu einem wichtigen Mittelpunkt geworden – persönlich, künstlerisch und in meiner psychotherapeutischen Arbeit.

Wir leben überwiegend in einem zentrifugalen Modus: Unsere Aufmerksamkeit und unsere Energie sind nach außen gerichtet. Wir meinen, ständig informiert sein zu müssen. Optimierung und Wettbewerb bestimmen unsere Ziele, Unterhaltung nimmt einen hohen Stellenwert ein. Jeder freie Augenblick wird mit Bildern, Nachrichten und Reizen gefüllt – schon bei Kindern und Jugendlichen. Auch ich bin davon nicht frei und ertappe mich immer wieder dabei, in den virtuellen Orbit zu flüchten. In der Bahn oder an der Haltestelle richtet sich der Blick beinahe automatisch auf das Display. Kaum entsteht eine Lücke, wird sie geschlossen. 

Wir benennen und beurteilen, vergeben Likes und schreiben Kommentare. Wir beantworten noch diese E-Mail und jene Nachricht und verhalten uns, als müssten wir jederzeit erreichbar sein. Diese Unruhe erfasst auch unser Innenleben. Die eigene Innenwelt wird zum Projekt. Wir wollen verstehen, warum wir fühlen, wie wir fühlen, und wie wir uns möglichst schnell verändern können. Das kann hilfreich sein. Doch manchmal legt sich das viele Erklären wie eine zweite Schicht über das Leben. Wir begegnen dann nicht mehr dem, was da ist, sondern unseren Vorstellungen davon.

Dieser zentrifugale Modus prägt auch die Art, wie wir anderen Menschen begegnen. Oft hören wir nicht wirklich zu. Während der andere spricht, bereiten wir bereits unsere Antwort vor, vergleichen das Gesagte mit eigenen Erfahrungen oder ordnen es in vertraute Kategorien ein. Wir glauben zu wissen, wer vor uns sitzt, was ihn bewegt und warum er sich so verhält.

So begegnen wir nicht nur dem wirklichen Menschen, sondern zugleich einem Bild, das wir uns von ihm gemacht haben. Dieses Bild entsteht aus früheren Erfahrungen, Erwartungen, Hoffnungen und Verletzungen. Es kann uns Orientierung und Sicherheit geben. Doch je fester es wird, desto weniger kann uns der andere überraschen. Wir hören dann vor allem das, was zu unserer Vorstellung von ihm passt.

In mir und in vielen Menschen, die ich begleiten darf, wächst die Sehnsucht nach Ruhe, Alleinsein und Unverfügbarkeit – und, wenn wir wieder durchgeatmet haben, nach wirklicher Begegnung. Doch was heißt das: wirkliche Begegnung?

Wirklichkeit ist zunächst das, was ist. In ihr liegt zugleich die Wirksamkeit des Augenblicks. Unsere inneren Bilder davon, wie die Welt und der andere sind, treten für einen Moment zurück. Etwas kann sich entfalten, das wir nicht geplant und noch nicht verstanden haben. Der andere wird wieder zu einem lebendigen Gegenüber. Auch die Natur kann uns auf diese Weise entgegentreten. Wir öffnen uns für das, was wir noch nicht wissen.

Ein Satz, der mir in solchen Augenblicken immer wieder kommt, lautet: „Das Leben übertrifft schon wieder – Gott sei Dank – meine Erwartungen.“

Wer ein Musikinstrument spielt, weiß, dass zu großes Bemühen und der Versuch, etwas zu erzwingen, das Spiel verkrampfen lassen. Ein Ton beginnt erst dann zu leben, wenn wir nicht nur auf das Instrument einwirken, sondern zugleich hören, wie es uns antwortet.

Das ist Resonanz: Etwas außerhalb von uns bringt etwas in uns zum Schwingen – und wir antworten darauf. Resonanz ist weder bloße Übereinstimmung noch ein Echo unserer Erwartungen. Sie entsteht in einer lebendigen Beziehung, in der beide Seiten aufeinander wirken. Wir können für sie empfänglich werden, sie aber nicht herstellen oder kontrollieren.

Ein Musikstück kann uns berühren, ein Mensch kann uns überraschen, eine Landschaft kann plötzlich zu uns sprechen. Für einen Augenblick sind wir nicht mehr nur Beobachtende. Wir sind beteiligt, „mitten im Leben“, und zugleich offen für etwas, das sich unserer Verfügung entzieht.

Auf der Suche nach Ruhe und Halt begann ich, zunächst für mich selbst, ein Buch zu schreiben: „AM BODEN – Wenn nichts mehr trägt“.

Der Titel benennt einen Zustand, den viele Menschen kennen. Wir verlieren Halt durch eine Trennung, eine Krankheit, den Tod eines nahen Menschen, berufliche Sorgen oder tiefe Erschöpfung. Wir können ihn aber auch allmählich verlieren – etwa durch einen Umgang mit digitalen Medien, der uns immer weiter von unserem Körper, unserem unmittelbaren Erleben und unserem eigenen Rhythmus entfernt. Oder durch eine tief verankerte Loyalität gegenüber familiären oder partnerschaftlichen Strukturen, die uns eher einengen und begrenzen, als uns wachsen zu lassen. Manchmal ist äußerlich nichts Spektakuläres geschehen, und doch spüren wir: So geht es nicht weiter.

Als Therapeut erlebe ich, wie groß der Druck sein kann, eine Krise schnell zu überwinden. Wir möchten wieder funktionieren und das Geschehene schlüssig erklären. Doch die Seele folgt keinem Plan. Veränderung beginnt oft dort, wo wir aufhören, uns gewaltsam aus einem Zustand herauszuziehen. Wenn ein Mensch sagen kann: So ist es im Augenblick. Ich bin erschöpft. Ich weiß nicht weiter. Oder: Ich bin wütend. Dann ist noch nichts gelöst – und doch ist etwas Wesentliches geschehen: Die Wirklichkeit darf da sein.

„AM BODEN“ ist ein Buch zum langsamen Lesen. Das allein kann eine Herausforderung sein: langsam zu lesen, innezuhalten und nicht sofort zur nächsten Seite weiterzugehen. Die Texte sind kurz, die Zeilen von Leerräumen umgeben. Manchmal genügt ein einziger Satz. Danach darf das Buch geschlossen werden.

Es geht nicht darum, möglichst viel zu verstehen oder eine schnelle Lösung zu finden. Das Buch stellt kein Programm zum Wiederaufstehen bereit. Es lädt vielmehr dazu ein, für einen Augenblick bei dem zu bleiben, was ist: beim Atem, bei einer Körperempfindung, bei Trauer, Erschöpfung oder auch bei einer unerwarteten Ruhe.

Dabei ist für mich die Zeile von Angelus Silesius „Die Rose ist ohne Warum“ von besonderer Bedeutung. Im Buch ist ihm ein eigenes Kapitel gewidmet. Es heißt nicht, dass Ursachen, Lebensgeschichte und Zusammenhänge unwichtig wären. Doch bevor wir erklären, können wir wahrnehmen. Wo sitzt die Anspannung im Körper? Wie verändert sich der Atem? Was geschieht, wenn wir eine Empfindung nicht sofort beurteilen oder verändern? In dieser unmittelbaren Aufmerksamkeit kann etwas entstehen, das sich nicht erzwingen lässt. Ohne Warum.

Aus meiner Meditationspraxis kenne ich die Erfahrung, dass Erkenntnisse, die wirklich etwas in uns bewirken, eher zwischen den Gedanken entstehen als durch angestrengtes Denken.

Wie Blankenese dabei helfen kann

Ich empfinde Blankenese als einen Ort, an dem dieser Weg zugänglich wird. Hier begegnen uns Wind, Wasser, Bäume, Steigungen, Weite und wechselndes Licht. Die Elbe diskutiert nicht mit uns. Der Wald verlangt keine Selbstdarstellung. Ein Weg durch das Treppenviertel bringt den Atem in Bewegung. Die Natur holt uns freundlich und manchmal auch entschieden aus dem Kopf zurück.

Am Falkensteiner Ufer oder im Wald wird Wahrnehmung wieder konkret: Die Füße spüren den unebenen Boden, die Luft ist kühl oder warm, von der Elbe kommt das schnurrende Geräusch eines Binnenschiffes. Das Denken wird nicht bekämpft; es verliert nur für eine Weile seine Alleinherrschaft.

Zu meinem Erleben von Blankenese gehört auch die Erfahrung gewachsener Beziehungen. Manche Menschen kenne ich seit Jahrzehnten durch meine Arbeit als Klavierlehrer, als Musiklehrer in Maria Grün sowie durch meine Praxis für Psychotherapie und Meditation. Man begegnet sich auf dem Markt, vor einem Laden, in der Kirche, bei einem Konzert oder auf dem Weg zur Elbe. Nicht jedes Treffen muss mit Neuigkeiten gefüllt werden. Manchmal steht oder sitzt man nebeneinander und schweigt. Ich empfinde das als Zeichen von Vertrauen: Die gemeinsame Zeit ist selbst zu einer Sprache geworden.

Ein solches Schweigen sagt: Du darfst da sein, ohne etwas leisten zu müssen. Wir können wach und gegenwärtig bleiben und darauf vertrauen, dass aus der Stille eine eigene Bewegung entsteht.

Blankenese ist keineswegs nur ein stiller, privilegierter Rückzugsort. Das Leben zeigt sich in den Kirchengemeinden, Schulen und Initiativen, bei Konzerten und Lesungen, in kleinen Geschäften, Cafés und Praxen, auf dem Wochenmarkt und in den Gesprächen auf der Straße. Menschen engagieren sich, unterrichten, musizieren, helfen einander oder streiten um die Zukunft ihres Stadtteils. Ruhe und Lebendigkeit sind keine Gegensätze; sie geben einander Bedeutung.

Entschleunigung heißt deshalb nicht Rückzug aus dem Leben oder Langsamkeit um jeden Preis. Es geht darum, den eigenen Rhythmus wiederzufinden. Wer innehält, kann genauer hören, was ansteht: Ruhe, ein klares Gespräch, eine Entscheidung oder ein mutiger Schritt. Aus der Stille kann ein Handeln entstehen, das weniger von innerer Hast und äußeren Erwartungen bestimmt ist.

Als Musiker kenne ich dieses Zusammenspiel. Musik lebt nicht nur von Tönen, sondern vor allem von Zwischenräumen, Atem und Nachklang. Wer jede Pause füllt, nimmt ihr die Tiefe. Erst die Stille macht eine musikalische Phrase hörbar. Das gilt für Bach ebenso wie für eine freie Improvisation – und, so glaube ich, auch für das menschliche Leben.

Was Blankenese bewahren kann

Blankenese lebt nicht nur von seiner schönen Lage, sondern davon, ob Menschen einander wahrnehmen, ob ein Gruß noch Zeit hat und unterschiedliche Menschen nebeneinander Platz finden. Die Qualität eines Stadtteils zeigt sich auch darin, ob Begegnungen möglich bleiben, die keinem bestimmten Zweck dienen.

Der Markt ist dafür ein schönes Bild. Natürlich wird dort gekauft und verkauft. Aber zugleich werden Neuigkeiten ausgetauscht, Gesichter wiedererkannt, Sorgen angedeutet und Verabredungen getroffen. Ähnlich ist es in den Gemeinden, bei Konzerten, in Schulen und kleinen Läden. Diese Orte bilden ein Gewebe, das man oft erst bemerkt, wenn es dünner wird. Sie geben dem Leben Rhythmus und Zugehörigkeit. Sie erinnern uns daran, dass wir nicht nur Individuen mit Aufgaben und Meinungen sind, sondern Teil eines gemeinsamen Raumes.

Vielleicht sollten wir diesen Raum nicht allein danach beurteilen, wie attraktiv, erfolgreich oder exklusiv er ist. Die wichtigere Frage könnte lauten: Können Menschen hier gegenwärtig sein? Gibt es Orte für Kunst, Gespräch, Gebet, Spiel, Hilfe und zweckfreies Verweilen? Dürfen auch Unsicherheit, Alter, Trauer und Scheitern sichtbar sein? Eine lebendige Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, dass alle dasselbe denken. Sie entsteht dort, wo Verschiedenheit ausgehalten wird und dennoch Begegnung möglich bleibt. 

Wenn ich heute an der Elbe sitze, denke ich manchmal daran, wie viel Wasser bereits an diesem Ufer vorbeigeflossen ist. Wir können es nicht festhalten. Auch unser Leben lässt sich nicht sichern, planen oder erklären. Vieles verändert sich, manches geht verloren, anderes beginnt unerwartet. Das ist beunruhigend. Es kann aber auch entlasten.

Der Boden ist nicht nur ein Ort des Scheiterns. Er ist auch der Ort der Berührung mit der Wirklichkeit. Wer am Boden ist, spürt vielleicht zum ersten Mal seit Langem wieder, was trägt. Von dort aus kann ein Aufstehen beginnen – nicht als heroischer Kraftakt und nicht nach einem fremden Zeitplan, sondern als kleine, lebendige Bewegung. Ein Atemzug. Ein Blick. Ein Schritt. Ein Wort, das wirklich gemeint ist.

Blankenese erinnert mich täglich daran, dass Stille und Bewegung, Verwurzelung und Wandel, Alleinsein und Gemeinschaft zusammengehören. Vielleicht liegt darin ein Teil seiner besonderen Kraft. Wir können hier hinunter zum Wasser gehen, ohne ein Ziel erreichen zu müssen. Wir können einem vertrauten Menschen begegnen und auch einmal nichts sagen. Wir können Musik hören, auf dem Markt stehen, eine Kerze anzünden, einen steilen Weg hinaufgehen und unseren Atem spüren.

Für einen Augenblick müssen wir dann nicht wissen, warum alles so ist, wie es ist. Wir dürfen einfach wahrnehmen: das Licht auf der Elbe, den Wind im Gesicht, den Boden unter den Füßen – und das eigene Leben, das jetzt gerade geschieht.

FlorianNoack

Zum Autor

Florian Noack lebt und arbeitet seit 1989 in Hamburg-Blankenese. Er ist Musiker und diplomierter Klavierlehrer sowie Musiklehrer und Chorleiter an der Katholischen Schule Blankenese. Als Heilpraktiker für Psychotherapie und Coach mit eigener Praxis in Hamburg und Lübeck verbindet er tiefenpsychologische, körperorientierte und achtsamkeitsbasierte Zugänge mit künstlerischer Erfahrung. In seinem Eigenverlag emergendo ist 2026 der erste Band „AM BODEN – Wenn nichts mehr trägt“ erschienen. Er ist als Buch und Kindle-Ausgabe bei Amazon erhältlich.

www.florian-noack.de und www.lebenscoach24.de

Florian Noack

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