Text von Maike und Ronald Holst –
in ihrem Buch „Blankeneser Frauen“ – erschienen 2013
Geburtsstunde der Trachtengruppe
Ein besonders lebendiges Foto sticht ins Auge, wenn man an Lore Hülsen denkt:
Es zeigt acht Damen, die rund um einen Tisch beschäftigt sind. Sie alle tragen Blankeneser Tracht, einige sogar eine Kappe. Die Trachten sind in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung. Bei der vorderen fehlt wohl nur noch die Spitzen-umrandete Innenhaube, bei anderen die Schürze oder die Jacke. Auf dem Tisch liegen allerlei Stoffstücke und Spitzenbänder. Und eine Schneider-Puppe mit Tracht – mitten auf dem Tisch stehend – dient den fleißigen Näherinnen vermutlich als Vorbild. Nur eine Person ist auf dem Bild ganz zivil gekleidet: Sie steckt gerade eine Jacke ab. Es ist Lore Hülsen, die 1983 die Blankeneser Trachtengruppe (des BMTV) gründete.
„Das war im Jahr 1983. Ich plante damals eine Feier im Gemeindesaal. Um ihr ein besonderes Gepräge zu geben, hab ich vorher Kappen ausgeliehen, die zur Blankeneser Tracht gehören und – wie ich wusste – in manchen Blankeneser Haushalten noch vorhanden waren. Diese Kappen sollten die Blankeneser Mädchen beim Servieren tragen. Außerdem sollte uns eine Gruppe vom Hamburger Ring für Heimattanz mit Tanz-Darbietungen erfreuen. Wie erstaunt war ich, als die Hamburger Tänzerinnen in Blankeneser Fischertracht mit rotem Wollrock erschienen.
Die Feier wurde ein Erfolg, besonders die Kappen-geschmückten „Servierfräulein“ wurden viel bewundert.

Von da an beschäftigte mich, dass eigentlich wir als Blankeneser – und nicht die Hamburger – die Tradition unserer Tracht pflegen müssten. Bald darauf lud ich 12 bis 14 Damen vom (BMTV) Turnverein in mein Wohnzimmer und schlug ihnen vor, dass sich jede eine Blankeneser Tracht anfertigen solle. Ich könne dabei helfen. Ich würde auch für die notwendigen Materialien sorgen.
Das war leichter gesagt als getan, denn jedes Trachtenteil ist aus anderem Material gefertigt. Und einige der Stoffe konnte man in keinem Laden kaufen.

Nachdem ich mit meiner Idee auf breite Zustimmung gestoßen war, ging ich erst einmal ins Altonaer Museum, das viele Original Blankeneser Trachten verwahrt. Eine Mitarbeiterin machte mich auf Besonderheiten aufmerksam, empfahl mir die Weberin Frau Richter, die z.B. den Beiderwandstoff für den Rock der Kirchgangstracht weben könne. Aber beim Falten legen müssten wir darauf achten, dass keine Falte auf dem Bauch gelegt würde.
Suche nach Stoffen
Wir hatten uns darauf geeinigt, dass wir erst einmal mit der Kirchgangstracht anfangen wollten. Und so begann die Arbeit. Ich klapperte alle Hamburger Stoffgeschäfte ab, auf Reisen auch viele Läden in Süddeutschland. Ich suchte passende weiße Baumwolle für Unterrock und Bluse, hellblaues Tuch für das Mieder, dunkelblaues für die Jacke, für die Schürze Baumwolle – mit Seidenfäden durchwirkt, dazu Spitze für die innere Spitzenhaube. Ich brauchte Silberknöpfe und –schnallen. Bordüren durften wir selbst auf Webstühlen des Altonaer Museums weben. Doch mir fehlte immer noch der Seidendamast für die Brusttücher. Schließlich fand ich im Palazzo Brunelli von Venedig Webkünstler, die darauf spezialisiert waren, die auf alten Gemälden abgebildeten Stoffe zu kopieren. Ich durfte beim Weben zusehen, wie ihre einzigartigen Kunstwerke entstanden. Und dann zeigte man mir das Stofflager, dass mir die Sprache verschlugen. Noch nie hatte ich so viele edle, so wunderschöne Stoffe auf einmal gesehen! Hier entdeckte ich auch den idealen Seidendamast für Brusttücher – allerdings zum unerschwinglichen Preis von 2.000 DM pro laufendem Meter. Die Suche ging deshalb weiter. Kurioserweise fand ich ihn schließlich vor der Haustür in Blankenese, beim Einrichter Diralla. Hier erhielt ich den passenden Seidendamast.

Zugeschnitten hab ich allein. Dann wurde gesteckt, geheftet, anprobiert und genäht, teils mit Maschine, vieles mit der Hand. Selbst Hauben haben wir angefertigt und bestickt. Natürlich hatten nicht alle Damen gleich viel Zeit, Talent und Übung. Sicher bin ich auch einigen Damen mit meiner Pedanterie auf die Nerven gegangen. Aber den Schwächeren wurde geholfen mit dem Ergebnis, dass jede Teilnehmerin am Ende eine authentische, handwerklich gut geschneiderte Tracht besaß.
Nach langem Herumfragen fand ich in Buxtehude einen Goldschmied, der bereit war, für uns Hartjes nach zu arbeiten. Ein Hartje ist die klassische silberne Verlobungsbrosche der Blankeneserin, mit einem Anhänger, der den Beruf des Bräutigams symbolisiert (z.B. ein Anker für den Seemann). Einige Damen hatten noch Hartjes im Familienbesitz. Doch nun konnten auch die anderen ihr Mieder mit der filigrane Herzbrosche verzieren. Die Tracht war komplett. Übrigens hatte jede Tracht einen Wert von etwa 3.000 DM. Auch für die notwendigen Silberknöpfe suchte man in der gesamten Republik nach einem preisgünstigen Lieferanten, der sich schließlich in Süddeutschland fand! “
Erste Auftritte
Nach all der Arbeit wollten die Blankeneserinnen ihre Tracht – und sich selbst – in Tracht gewandet – gern zeigen. Doch leider gab es nur wenig Gelegenheit dazu. Deshalb regte Lore Hülsen an, Tänze einzuüben, die bei besonderen Anlässen vorgeführt werden konnten. Durch Empfehlung fand sie eine geeignete Tanzlehrerin. Frau Paukner war zwar schon 70 Jahre alt, aber erfahren, hoch motiviert und von mitreißendem Temperament. Außerdem spielte sie virtuos Gitarre und konnte die Volkstänze musikalisch begleiten.
Nun wurde jeden Mittwochabend geprobt – zunächst im Gemeindesaal. Doch als die Kirche eine Mietzahlung verlangte, wandte sich Frau Hülsen an den Schulleiter des Gymnasiums Blankenese. Der war so angetan vom Engagement für die Blankeneser Tradition, dass er die Erlaubnis bei der Schulbehörde erwirkte, regelmäßig in der Schulaula zu proben.
So ganz Nebenbei konnte man eine wundersame Entwicklung in Blankenese beobachten: Immer mehr Blankeneser/innen interessierten sich für die alten Trachten. So manche/r stöberte auf dem Boden in Truhen und Kästen und fand Original-Trachtenteile – am häufigsten Kappen. Und immer öfter meldeten sich Damen bei Frau Hülsen, um zu fragen, ob sie mitmachen dürften. So gab es bald eine zweite und eine dritte Trachten-Nähgruppe. Auf einem Foto von 1986 sind schon über 20 Blankeneser/innen in Tracht festgehalten.

„Mit gegenseitiger Hilfe konnte eine beachtliche Gruppe am deutschen Turnfest in Berlin 1987 in Blankeneser Tracht auftreten. Damals verzichteten wir auf die dunkelblauen Tuchjacken mit Silberknöpfen, weil einige damit noch nicht fertig waren. Trotzdem – bei Tänzen zur Musik von James Last begeisterten die Blankeneser rund 100.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion und obendrein die Fernsehzuschauer daheim.“
Allmählich kamen auch Männer hinzu. Die waren nötig, denn Frau Hülsen plante, mit ihrer Gruppe in New York an der Steuben-Parade teilzunehmen. Sechs starke Männer waren gesucht – und auch schnell gefunden – die die Fahnen tragen sollten. Natürlich wurden auch für sie Trachten genäht. Ja, mancher Herr stolzierte bald – wie Konsul Buddenbrook – mit „Bratenrock“, Zylinder und mit Silberknöpfen verzierter Weste umher.
So machte die Blankeneser Trachtengruppe bei der Parade auf der Fifth Avenue eine so gute Figur, dass sie anschließend sogar vom New Yorker Bürgermeister empfangen wurde.
Erfolg auf Erfolg
Lore Hülsen und ihre Trachtendamen, die bald eine verschworene Gemeinschaft bildeten, wurden schnell eine gern gesehene Institution. Sinn der Aktivitäten war, Tradition und Brauchtum zu pflegen und wieder sichtbar zu machen, die Freude am Tanzen auch anderen zu vermitteln und freundschaftliche Kontakte zu anderen Brauchtumsgruppen zu knüpfen und zu pflegen.
Die Einladungen zu Auftritten häuften sich. Eine der ersten fand bei Reemtsma statt. Regelmäßige Teilnahme an Trachtentreffen, am Deutschen Turnfest, Auftritte in Altenheimen, bei runden Geburtstagen und Jubiläen … Immer fand die Gruppe ein dankbares, aufgeschlossenes und begeistertes Publikum.

Im Laufe der Jahre kamen viele internationale Einsätze hinzu, z.B. in Norwegen, zu Sänger- und Tanzfesten in Riga und Tallinn, nach Namibia und allein dreimal nach St. Petersburg aus Anlass der „Städtepartnerschaft Hamburg – St. Petersburg“.
Lore Hülsen hat mit ihrem Engagement eine Bewegung angestoßen, die viele mitgerissen hat. Die Wiederbelebung der Trachten und Trachtentänze ist ein Beitrag, das Interesse für den Ort Blankenese, seine Geschichte, seine Bräuche und Traditionen, seine Menschen damals wie heute lebendig zu halten.
Werdegang von Lore Hülsen
Großmutter Ida Penz war überglücklich, als 1925 ihre erste Enkeltochter Lore geboren wurde. Und das in ihrem Haus in Dockenhuden, in dem sie und ihr verstorbener Mann Heinrich die bürgerliche Gastwirtschaft „De ole Krog“ betrieben. (Später umbenannt in „Zur gemütlichen Ecke“)

Die junge Familie Penz war Ende der 1920er Jahre zu einer Tante in den Bockhorst gezogen.
Die alte Dame las den Kindern oft und gern vor und weckte so das Interesse der kleinen Lore an spannenden Geschichten und romantischen Fabeln.
Auch die ländliche Umgebung mit wogenden Kornfeldern, knorrigen Eichbäumen, Knicks und saftigen Wiesen war prägend für das kleine Mädchen.
1944 machte Lore ihr Abitur an der Schule Kirschtenstraße in Blankenese.
Unmittelbar darauf folgte ein halbes Jahr Reichsarbeitsdienst, den sie bei einem Bauern in Angeln an der Ostsee absolvierte. Dort hieß es Tag für Tag Rüben hacken, bis der Rücken unerträglich schmerzte.
Flakhelferin
Nach Beendigung des Arbeitsdienstes, im Oktober 1944, zog man sie zu einer Scheinwerferbatterie an der Chaussee Wedel-Pinneberg beim Katharinenhof ein. Dort musste Lore das Richtgerät für die nach feindlichen Flugzeugen suchenden Scheinwerfer ihrer Batterie bedienen.
Je weiter der Krieg in sein Endstadium trat, desto häufiger erlebte die Batterie Tieffliegerangriffe. Einer der Jagdbomber warf Bomben auf Baracken und Stellungen, die gottlob daneben gingen. Dann beschoss er die Holzgebäude mit Bordwaffen. In höchster Lebensgefahr suchten die Luftwaffen-Mädels Deckung in Splittergräben und hinter Gebäuden. Zum Glück gab es keine Verluste.
Am Heiligen Abend 1944 hatte Lore bis Mitternacht Dienst. Danach wanderte sie von der Wedeler Chaussee bei Frost und sternklarem Himmel durch die Heilige Nacht – ins heimatliche Dockenhuden, während an den immer näher rückenden Fronten fürchterliche Kämpfe tobten.
Vater stand zu der Zeit auf dem Balkan, eine Schwester war in Pommern dienstverpflichtet. Nur die Kleinste, Lütting genannt, lebte noch zuhause.

Lore traf nach vierstündigem Marsch in Dockenhuden ein, sehnsüchtig von ihrer Mutter und Lütting erwartet. Denn jetzt konnten sie endlich – frühmorgens um 4 Uhr – die Kerzen des Weihnachtsbaums entzünden, kleine Geschenke austauschen und „Stille Nacht, heilige Nacht …“ singen. Auch weil es in dieser Nacht keinen Angriff gab.
Ausbildung und Familiengründung
Nach der Kapitulation wäre Lore gern Dolmetscherin geworden. Doch sie erhielt den Rat, ins Kostümbildnerfach zu gehen. Vorbedingung für das Studium war eine Schneiderlehre, die sie daraufhin absolvierte.
Als sie danach mit dem Studium in der Armgartstraße begann, traf sie allmorgendlich einen jungen Mann in der S-Bahn, der ihr sehr gut gefiel. Hans-Peter Hülsen hieß der Jüngling und kam aus Blankenese.
1950 heiratete sie ihren Hans-Peter, der Schiffbau- und! Elektro-Ingenieur wurde, und zog mit ihm in sein Elternhaus im Op´n Kamp. Dort lebte neben Schwiegereltern und Schwager eine eingewiesene Familie, was in den ersten Nachkriegsjahren üblich war. Mit 10 Personen mussten sie in drangvoller Enge hausen.

Die eingewiesene Familie war auf St. Pauli ausgebombt worden und hatte eigentlich immer Finanzprobleme. Das Merkwürdige aber war, dass die Frau einen Zigarrenkasten voller Brillantschmuck besaß, den sie gern vorführte, aber nicht zu Geld machte. 1955 gelang es Hülsens, die Zwangsmieter herauszukaufen. Danach hatte man endlich etwas mehr Platz im Haus.
Um Raum für eine eigene Schlafkammer zu erhalten, hatten sich Lore und Hans-Peter vor der Hochzeit ein Zimmerchen unterm Dach ausgebaut. Wasseranschluss gab es natürlich nicht da oben, gerade Mal elektrisches Licht. Waschen mussten sie sich in einer Emailleschüssel. Das Brauchwasser wurde in der Regenrinne entsorgt. Für Toilettegänge – damals im Plumpsklo auf dem Hof – musste man in der kalten und feuchten Jahreszeit schon recht abgehärtet sein.
Mit der Zeit stellten sich Kinder ein. Ein Sohn und zwei Töchter.
Als Blankeneser waren Hülsens begeisterte Segler. Zuerst schipperten sie mit einem SVAÖ-Kutter, später besaßen sie immer wieder eigene Boote, wie die NAUSIKAA oder die ACHILL.
Ehrenämter
Als die drei Hülsen-Kinder aus dem Haus gegangen waren konnte Lore ab 1982 die Tanzsportabteilung des BMTV leiten und rief 1983 im gleichen Verein die Trachtengruppe ins Leben.
Ein weiteres ihrer ehrenamtlichen Betätigungsfelder war der kirchliche Besuchsdienst der evangelisch-lutherischen Kirche in Blankenese, für den sie 26 Jahre arbeitete. Diese Einrichtung pflegt die Beziehungen zu Gemeindegliedern über 75 Jahre. Bis zu 10 Hausbesuche waren monatlich zu machen.
1998 ging Lore dann auch noch unter die Filmemacher und drehte ihren Streifen „Blankenese – gestern und heute“, dem 1999 „Blankenese – heute und gestern“ folgte. Für beide Filme, die man käuflich erwerben konnte, gab es eine echte Fangruppe.
Als erste Veranstaltung im Blankeneser Jubiläumsjahr 2001 (700-Jahrfeier der ersten Urkunde von Blankenese) batten Lore Hülsen und Christa Schade für den „Förderkreis 700 Jahre Blankenese“ rund 300 verdiente Blankeneser Bürgerinnen und Bürger ins Sagebielsche Fährhaus gebeten.
Die beiden Damen hatten die notwendigen Geldmittel von Sponsoren gesammelt, das Programm geplant und realisiert. Nach der Eröffnungsrede von Lore würdigte Schirmherr und Bezirksamtsleiter Dr. Uwe Hornauer das Blankeneser Engagement und empfahl, „den Schatz zu hüten“! Das waren Worte, die auf Lore Hülsen zutrafen. Sie und ihre Freundinnen hüteten viele historische Schätze.
In dieser Zeit entstand auch ihr Gedicht:
Mein Blankenese ist nur klein,
15 mal 16 Meter,
und eigentlich ist es nicht mein,
sondern gehört Hans-Peter.
Mein Haus ist weiß und grün und rot
und voller alter Sachen.
Man lebt hier stets mit Tradition
da ist halt nichts zu machen.
Die Elbe, wo die Schiffe zieh´n,
hinaus in weite Ferne,
ist meines Lebens starker Strom;
hier wohn´ ich ja so gerne.
Geboren ward ich dermaleinst
im nahen Dockenhuden.
Zwei Dörfer sind in mir vereint.
Ich hoffe ja zum Guten.
2003 realisierte Lore Hülsen wieder eine ihr am Herzen liegende Idee:
Sie rief einen „Niederdeutschen Preis“ ins Leben. Am 12. April fand die festliche Preisverleihung im Blankeneser Gosslerhaus statt. Den Preisträgern ihres niederdeutschen Erzähl-Wettbewerbs wurde die von Frau Hülsen gestifteten Geldpreise überreicht.
Die große Lücke, die der Tod ihres geliebten Ehepartners Hans-Peter im Jahr 2007 bei ihr hinterließ, wird wohl nie geschlossen werden. Trotzdem blickt sie weiter nach vorn, um ihr „Haus zu bestellen“ und die Zukunft mit zu gestalten.
Quellenangabe:
Interview mit Lore Hülsen


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