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Anneliese Teetz geb. Sparbier, 1910 bis 1991

Anneliese Teetz geb. Sparbier, 1910 bis 1991

Anneliese Teetz geb. Sparbier, 1910 bis 1991

Wie viele historische Jugendbücher erzählen davon, dass ein Junge von knapp 14 Jahren bei Nacht und Nebel ausbüxt, um zur See zu fahren?

Verrückt nach Wasser

Anneliese (manchmal auch Annaliese) Sparbier entschied sich im gleichen Alter, als Junge verkleidet auf einem Fischdampfer als Moses anzuheuern. Ihr Vater, ein bekannter Sportler und Lehrer, konnte sich mit den abenteuerlichen Plänen seiner Tochter überhaupt nicht anfreunden. Schließlich war er murrend einverstanden, Anneliese in den Schulferien eine neuntägige Schnuppertour zu erlauben.

Im Heuerbüro, vor Kapitän und Mannschaft des Fischdampfers gelang es Anneliese – mit Herrenhaarschnitt und geschnürtem Busen – einen Jungen vorzutäuschen. Vorher hatte sie noch gedacht, sie könne nicht seekrank werden. Aber man hatte noch nicht ganz ELBE 1 passiert, da musste sie schon Neptun opfern.

„Damals wäre ich am liebsten ganz zur See gegangen. Aber ich versuchte den unbändigen Trieb zunächst zu unterdrücken!“ gestand sie 1949 in einem SPIEGEL-Interview. „Ich war als kleines Kind verrückt nach Wasser. Meine Eltern haben mich schon mit zwei Jahren schwimmen lernen lassen. (…) Meine Eltern waren ja sowieso große Sportsleute. Meine Mutter war die erste Turnerin, die in Hosen auf einem öffentlichen Platz erschien. Kommentar der Leute: ´Keine Spur von Schamgefühl´. Ja, so war das damals. (…) Später hab ich Gorch Fock gelesen. Seefahrt ist Not. Das fand ich ganz toll.“

Nach dem Abitur (1929) studierte Anneliese –  auf Vaters Wunsch – Geografie und Leibesübungen und machte 1932 die Volksschullehrerprüfung. Ihr Vater, ein Rektor, verschaffte ihr eine erste Anstellung in der Schule Bullenhuser Damm, wo sie eine zweite Klasse unterrichtete. Nach einem halben Jahr aber wechselte sie zur Mädchenschule Ausschläger Weg, dann an die Süderschule nach Langenhorn. Dort bekam sie eine gemischte Klasse. Als sie die Mädchen boxen ließ und sie andere, für die Zeit ungewöhnliche pädagogische Experimente vornahm, hat der Schulrat ihr auch diese Klasse weggenommen.

BF.Teetz.Garten
Anneliese 1982 im.Garten

In ihrer Freizeit zog es die junge Frau immer wieder aufs Wasser, z.B. per Faltboot nach Helgoland, das 60 km vor Cuxhaven in der Deutschen Bucht liegt. Das erste Mal paddelte sie bei ganz schlechtem Wetter zur deutschen Hochseeinsel. Die Fisch- und Fracht-Kutter hatten bereits schützende Häfen aufgesucht, während sie die Tide bis Scharhörn nutzte.  Dort übernachtete sie und setzte nachts ihre Paddeltour fort. Weil sie sich dann am Leuchtfeuer von Helgoland orientieren konnte und deshalb wusste, wohin sie steuern musste. (Sie fuhr offenbar ohne Kompass.) Vor allem aber wollte sie nicht von der Mannschaft des Feuerschiffs ELBE 1 gesehen werden, denn die kriegten alle kleinen Boote zu fassen, die nach Helgoland zu schippern versuchten. Für die Strecke paddelte sie von zehn Uhr abends bis morgens um sieben und erlebte dabei ein berauschendes Meeresleuchten.

Fischdampfermatrose

1935, nach dem Examen für das höhere Lehramt, musterte sie – man mag die aberwitzige Entscheidung kaum glauben – als Fischdampfermatrose an, obwohl heftige Schwierigkeiten mit der „Arbeitsfront“ (der NS-Einheitsgewerkschaft) vorausgegangen waren. Natürlich entsprach ihr eingeschlagener Berufsweg ganz und gar nicht den Vorstellungen der Nationalsozialisten von der Rolle der Frau als Bewahrerin der Familie.

Einmal lag der Fischdampfer auf der Amrum-Bank, als die anderen längst in sicheren Häfen lagen. Trotzdem setzten sie nochmals Netze aus. Auch bei diesem Sturm wurde Anneliese seekrank und der Alte musste das Ruder übernehmen, während der Steuermann ihr riet: Geh man in die Koje. Doch bei dem Unwetter nahm das Schiff pausenlos Wasser über. Das lief von überall her rein. Ihr blieb nichts anderes übrig, als „die Nordsee“ tagelang und halbe Nächte aus dem Schiff zu pumpen.

Nach der Reise ging sie in die Fischverarbeitung in den Hamburger Fischhallen. Als sie dort nur Frauenlohn erhielt, beschwerte sie sich lautstark. Nein, für Frauenlohn wollte sie nicht arbeiten. Doch man konnte sie in keine höhere Lohngruppe einstufen, weil das große Unruhe unter den dort arbeitenden Frauen bedeutet hätte. Deshalb erhielt sie einen Zuschuss, denn sie arbeitete tatsächlich genau so viel und hart wie die Männer. Von morgens um sieben bis abends um sieben wurde malocht. Eine Mittagspause gab es nicht. Bei einer Entzündung im Handbereich musste ihr schließlich sogar ein Finger abgenommen werden.

Steuermannspatent

Von 1939 bis 1943 fuhr sie vier Jahre auf einem Kümo als Matrose durch die Nord- und Ostsee.  Ende 1943 machte sie, trotz vieler weiterer Widerstände von Seiten der Partei und der Einheitsgewerkschaft, ihr Steuermannspatent  und musterte zwei Tage später auf dem Fischdampfer „Eschenburg“ an. Sieben Monate darauf heiratete Anneliese Sparbier den 2. Maschinisten des Dampfers, Ernst Teetz, der nach dem Krieg als Chief (leitender Ingenieur) fuhr.

An dieser Stelle muss man sich die Luft- und Seekriegssituation von 1943 ins Gedächtnis rufen:

Ende Juli ließen die Westalliierten Hamburg bei einer siebentägigen Luftoffensive in Schutt und Asche legen. Schon im Mai war der deutsche U-Boot-Krieg im Nordatlantik zusammen gebrochen. In dieser Zeit musterte die Lehrerin Anneliese auf einem Fischdampfer (keinem Vorpostenboot) an und fuhr mit ihm hinaus auf die verminte See, in der viele feindliche Schiffe, wie U-Boote, Schnellboote, Zerstörer und größere Einheiten, nur darauf warteten, deutschen Schiffsraum zu versenken.  Ähnlich verhielt es sich mit feindlichen Flugzeugen, die deutsche Schiffe aufspüren und vernichten wollten. Als Lehrkraft in einer Schule zu arbeiten, wäre sicher sehr viel kommoder gewesen.

Keine Heuer für die See-Frau

Nach dem Krieg waren alle größeren deutschen Schiffe beschlagnahmt, sofern sie noch existierten. Von den 1.200 Kümos requirierte man 800. Diese Kähne fuhren zwar mit deutschen Besatzungen. Doch täglich konnten sie endgültig den Siegermächten übereignet werden. Dann wären die deutschen Besatzungen entlassen worden. Seeleute wurden also nicht mehr gebraucht. Deshalb versuchte sich Anneliese Teetz als schlecht bezahlte Lehrerin und hauste mit ihrem arbeitslosen Mann in einem winzigen Zimmer in Falkenstein, als Untermieter von Lotse Lindemann gleich hinter dem Wasserwerk.

Sie hätte zwar sofort wieder bei der Cranzer Fischdampfer-Reederei AG als Steuermann anfangen können, wenn es nach deren Geschäftsleitung gegangen wäre, aber Kollege Kuleiser von der Gewerkschaft war dagegen. Er betreute das Heuerbüro am Altonaer Fischmarkt und entschied, wer eingestellt wurde. Zunächst versuchte er die vielen aus der Gefangenschaft zurückkehrenden Seeleute unterzubringen. Außerdem war die Teetz nicht nur ein weibliches Wesen, für das sich der DGB als „See-Frau“ überhaupt nicht erwärmen konnte, sondern sie war seit 1937 Mitglied der NSDAP gewesen. Deshalb musste Strafe sein. Sie bekam keine Heuer.

Dabei war Anneliese mit ihren männlichen Seemanns-Kollegen immer gut ausgekommen. Selbst ihr Mann hatte keine Bedenken, sie sofort wieder fahren zu lassen. „Es gab ja auch Sagenheldinnen, Königinnen und Freiheitskämpferinnen“, kommentierte Anneliese Teetz dieses heikle Kapitel nüchtern. Außerdem: „In Wirklichkeit sind beide Geschlechter gar nicht so verschieden.“ Ihre ausgeprägt weiblichen Formen sprachen da eine andere Sprache.

Alte „Kahlkamper“ kommen heute noch ins Schwärmen

Der Not gehorchend überbrückte sie die Zeit als Lehrerin. An der Kahlkampschule (1948 – 1952) im Treppenviertel  von Blankenese war sie für Geschichte, Erdkunde und Schwimmen zuständig. Und wenn jemand nicht parierte, klopfte sie vorlauten, frechen oder faulen Kindern mit einem immer griffbereiten Gummiknüppel auf die Finger. Derartige Züchtigungen wurden damals toleriert, vielleicht auch wegen der hohen Klassenfrequenzen von 50 Schülern oder mehr pro Klasse.

BF.Teetz.Schulklasse
Frau Teetz mit.Schulklasse

Doch obwohl sie streng war, sogar gelegentlich handgreiflich wurde, schwärmen ihre ehemaligen Schüler noch heute von ihrer Lehrerin Anneliese Teetz. Mit ihren Klassen unternahm sie Wandertage und Klassenfahrten. Einer ihrer Schüler war durch Kinderlähmung stark gehbehindert. Ging es auf einen Ausflug, schob die Teetz seinen Rollstuhl. Wo der Rollstuhl nicht mehr fahren konnte, nahm sie den Jungen auf den Rücken.

Sie erreichte es, eine Sondererlaubnis für den Schwimmunterricht im Luftschutzbecken des Hesseparks zu erhalten.  Das war in dieser Zeit ungewöhnlich. Um den Kindern Turmspringen beizubringen, demonstrierte Frau Teetz entsprechende Sprünge. Bei einem Salto vom Dreimeterbrett schlug sie flach mit dem Rücken aufs Wasser. „Die kommt nicht wieder hoch!“ glaubten viele Schüler. Doch der Unfall konnte ihr nichts anhaben. Die Teetz  sprang gleich noch einmal – diesmal richtig.

BF.Teetz.Foehr
1952 auf Föhr: Klassenreise, Bildmitte: Frau Teetz

Der Rückwärtssprung vom Dreimeterbrett war für die Schüler die höchste Mutprobe. Den wenigen, die sich das trauten, reichte sie zur Hilfestellung einen kleinen Finger. Ein Schüler schrieb später über den Sprung: „Den Augenblick, als ich mir den Ruck zu springen gab, werde ich nie vergessen!“

Im Anschluss an den Schwimmunterricht zog sich die wohl geformte Anneliese unterm Sprungbrett um. Sie  war dabei zwar von einer Milchglaswand umgeben, doch man konnte allerlei ahnen. Bei diesem praktischen „Bio-Unterricht“ staunten nicht nur die Jungen.

Beim Sportunterricht machte sie – in Ermanglung einer Turnhalle – mit den Kindern Läufe zur Elbe und an ihr entlang. Sie rannte immer barfuss vorweg, turnte mit den erhitzten Schülern am Strand.

Alles was mit Hamburg, dem Hafen, der Schifffahrt und ihrer Geschichte in Verbindung stand, konnte die Teetz besonders gut weitergeben. Mit ihren Schülern hat sie ein Modell vom Elbverlauf aus selbst gefertigtem Pappmachée gebastelt. Die Kinder mussten dafür Berge von altem Zeitungspapier klein schnippeln. Das riesige Relief stellte die Elbe mit Nebenflüssen, Inseln, Fahrwassermarkierungen, Leuchttürmen usw. dar. Die Schüler erarbeiteten sich auf diese Weise ihre Heimat theoretisch, und auf  Schulausflügen wurde das erworbene Wissen praktisch vertieft.

Die Teetz machte keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Schließlich beanspruchte sie auch für sich die Gleichbehandlung im Berufsleben. Einem Boxkampf mit echten Boxhandschuhen zwischen Jungen und Mädchen sah sie lachend zu. Beide Geschlechter lernten aber auch Strümpfe stopfen, Taue spleißen, richtiges Hinfallen und vieles mehr.

Noch bevor sie morgens zur Schule fuhr, badete Anneliese in der Elbe. Splitterfasernackt, egal ob es Sommer oder Winter war. Und zwar an jedem Tag des Jahres. Irgendwann regte sich ein prüder Nachbar darüber auf und versuchte, dieses „unmoralische Verhalten“ behördlich unterbinden zu lassen. Doch Erfolg war ihm nicht beschert.

Nach dem erfrischenden Bad setzte sie sich auf ihr Herrenfahrrad, und strampelte zum Unterricht. Meist fuhr Anneliese mit ihrem Tourenrad – ohne Gangschaltung  – den Waseberg hinauf. Das ist Hamburgs steilster Berg, an dem sich Jahr für Jahr die Rennradteams beim berühmten Cyclassics-Tournier abplagen. Den radelte sie hoch, ohne sich auch nur Millimeter aus dem Sattel zu erheben.

Befragt man ehemalige Kahlkampschüler nach Anneliese Teetz, dann kommen die alten Kahlkamper noch heute ins Schwärmen. So viele Geschichten sind uns erzählt worden. Aber am tollsten fanden wir die Story von Anneliese Teetz  und dem Osterfeuer.

Kampf ums Osterfeuer

Unabhängig vom Schuldienst war Anneliese diejenige, die sich für das Wittenbergener Osterfeuer zuständig fühlte. Das dafür notwendige Holz wurde im Heizhaus des Wasserwerks an der Elbe (bei den Klärteichen) versteckt. Doch die Burschen vom konkurrierenden Harmstorf-Osterfeuer hatten sich kurz vor Ostern nachts ins Heizhaus geschlichen, alles Holz entwendet und nur ein einzelnes, schlecht gewachsenes Bäumchen aufrecht stehen gelassen, an das sie einen Zettel mit dem hämischen Text hängten: „Danke für das schöne Holz. Die Harmstorfs!“ 

BF.Teetz.Buecher
Frau Kapitän mit ihren Büchern

Anneliese Teetz war empört über so viel Frechheit und sann auf Rache.

Firma Harmstorf genoss jedes Jahr das Privileg, nach Weihnachten die Dekorationstannen abholen zu dürfen, die die Alsterhaus-Front während der Adventszeit geschmückt hatten. Immerhin handelte es sich dabei um eine lastwagengroße Menge, die dem Holzstapel im Westen beim Wettstreit um das größte und höchste Feuer am Blankeneser Strand gute Dienste leistete.

Alljährlich versuchten deshalb die konkurrierenden Osterfeuerbauer wenigstens einen Teil der Alsterhaus-Bäume zu ergattern. Während der Fahrt über die Blankeneser Landstraße und den Waseberg wurde es immer wieder von tapferen Jungen zu entern versucht. Doch die Harmstorfs hatten vorgesorgt. Kurz vor Blankenese kletterten sechs bis  sieben kräftige Burschen auf die Ladefläche des von Ottar Harmstorf gelenkten Tannenbaum-LKWs und versteckten sich zwischen den Tannen, um die „wertvolle“ Fracht während der Fahrt  durch Blankenese zu bewachen. Unterwegs mussten immer wieder wagemutige Tannendiebe mit Gummiknüppeln vertrieben werden. So gelangte die Ladung ungeschmälert zur Elbe. (LKWs der frühen 50er Jahre fuhren noch recht langsam.)

Dann passierte es: Zwischen den beiden großen Buchen, die in der Nähe des heutigen RdE-Bootshauses links und rechts der Straße standen, hatte die streitbare Anneliese ein Stahlseil gespannt, um den LKW aufzuhalten. Sie wollte Rache für die entwendeten Bäume nehmen. Ottar Harmstorf bemerkte die Falle, gab Gas und preschte auf das Seil zu, das zerriss. Doch es brach nicht nur das Seil, auch am Fahrzeug entstanden größere Schäden und eine kleinere Buche musste auch dran glauben. Ottar chauffierte seinen Laster schnurstracks in die große Harmstorf-Halle und ließ die schweren Stahlschiebetüren augenblicklich verschließen. Auf diese Weise hängte er alle feindlichen Feuermacher ab. Die trockenen Tannen auf der Ladefläche waren gerettet.

Osterbad in der eiskalten Elbe

Als die Harmstorfer am Ostersonnabend ihren Feuerstapel an der Elbe aufgetürmt hatten, es muss um die Mittagszeit gewesen sein, denn man wollte gerade zum Mittagessen nach Hause gehen, erschien die rachelüsterne Anneliese mit ihren Jungs, um das Harmstorf-Feuer – viel zu früh – in Brand zu setzen. Anneliese hatte zur Bekräftigung ihrer Argumente einen Knüppel mitgebracht. Damit ging sie augenblicklich auf Ottar Harmstorf los. Doch der stämmige Ottar riss Anneliese „quer“ hoch und warf sie mit Schwung in die eiskalte österliche Elbe. Allerdings ging bei der Rangelei seine Brille verloren.

Auch zwischen den verfeindeten Jungengruppen gab es Auseinandersetzungen, doch tags darauf grüßte man sich wieder. So hielt es auch die Lehrerin Anneliese Teetz. Es wird allerdings auch erzählt, dass Frau Teetz nach diesem Osterfeuer-Abenteuer den Schuldienst quittieren musste. Doch bewiesen ist es nicht.

Einmal sah die Teetz von ihrem Fenster aus Feuer auf Meyers Sand. Wenn nicht sofort jemand eingreift, brennt das ganze Reet ab, kombinierte sie und sprang in die Elbe, um über den hier 800 Meter breiten Strom zu kraulen. Durch das schnell laufende Wasser hatte sie  einen gewaltigen Versatz, sodass sie – drüben angekommen – eine lange Strecke zurück zum brennenden Reet laufen musste. Da die Flammen inzwischen erloschen waren, schwamm sie unverrichteter Dinge zurück. 

Mitte der 1950er Jahre war es Anneliese Teetz endlich möglich, wieder als See-Frau aufs Meer zu gehen. Ihr Mann – nur „eine halbe Portion“  – fuhr bereits,  jetzt aber als „Chief“. Anneliese musterte bei der Blankeneser Reederei Friesecke auf der „Mühlheim Ruhr“ an. Die Fahrt ging nach Rio de Janeiro. Das war für sie ein großartiges Erlebnis. „Am Zuckerhut, am Zuckerhut, da geht’s den Senoritas gut, weil jedermann beim Sambaschritt so schnell sein Herz verliert…“ Aber als sie wieder ablegten, war es genau so schön. „Denn das war ein Gaunervolk da unten …“, resümierte sie! Nach dieser Reise hatte sie die Fahrenszeit erfüllt, die sie für das A6 benötigte.

1954/55 besuchte Anneliese die Seefahrtsschule, um die Prüfung für das  Kapitänspatent abzulegen – natürlich als einzige weibliche Kandidatin. Kein Wunder, dass sich viele ihrer damaligen „Mitschüler“ noch 50 Jahre später an die  gemeinsame Zeit erinnern, wie zum Beispiel der spätere Lotse Ernst von Ehren: „Sie war im Jahr über mir und kam täglich mit dem Rad von Blankenese nach Altona. Wurde sie bei Regen nass, zog sie ihre feuchten Strümpfe aus und trocknete sie über der Heizung, was unseren Dozenten Platzöder jedes Mal auf die Palme brachte. Das aber beeindruckte Anneliese nicht die Bohne. Zielstrebig steuerte sie aufs A6-Patent zu.“

In der Bank neben ihr saß der spätere Lotse Hans Schuldt. Eines Tages machte sie ihm ein Angebot: „Du, ich brauch ´nen Makker für mein Jiu Jitsu! Hättest Du nicht Lust?“ Doch Schuldt war dafür nicht zu erwärmen.

Als Dozent Prüsse im Unterricht  einen Herrenwitz der deftigen Sorte erzählen wollte, bat er Anneliese solange vor die Tür zu gehen. Das wurde von ihr und den anderen Seefahrtsschülern strikt abgelehnt. Man war doch unter sich.

„Ich habe 1956 auf der MS Gundula mit Anneliese Teetz gefahren. Ich war Moses, sie 1. Offizier. Ich hab viel von ihr gelernt. Soviel zum Thema Frauen an Bord.“ gestand ein Hein Duhn vor einiger Zeit der Hamburger Morgenpost.

Einmal wurde sie von einem Seemann in ihrer Kabine überrascht, als sie sich mit freiem Oberkörper wusch. Dem Sailor blieb beim Anblick ihrer großen Brüste die Spucke weg. Verdattert stand er in der Tür. Sein Anliegen hatte er total vergessen: „Was ist? Hast noch nie ´ne nackte Frau gesehen?“ holte sie ihn schlagfertig in den unerotischen Alltag zurück.

Obwohl sie Inhaberin des  Kapitänspatents für große Fahrt A6  war, hat sie nie als  „master next to God“, also als Kapitän ein Schiff geführt.

Eigenheim am Elbstrand

1952 hatte Ehepaar Teetz das Haus am Wittenbergener Ufer erworben und baute es nach und nach aus. Zwischendurch fuhr Anneliese zur See, um Geld zu verdienen. Leider war das Gebäude südlich der Promenade, sehr tief unterhalb des Weges gelegen. Schon bei der Flutkatastrophe von 1962 wurde es überflutet. Das passierte nach der großen Flut immer wieder, sodass ihr Mann und sie in den Jahrzehnten danach nur die oberen Räume bewohnen konnten. Entsprechend muffig roch das Gebäude, kaum das man es betreten hatte.

BF.Teetz.Haus
Annelieses Haus im flutgefährdeten Bereich der Elbe

Schon bei 2,50 m über NN musste der Keller geflutet werden, um den Auftrieb des Hauses zu verhindern. Zwar hatte sie das ganze Gebäude „flutsicher“ machen lassen: Vor ihrem Siedlungshaus war eine Flutschutzmauer entstanden, es gab im Parterre Stahltüren gegen Flut und Wellenschlag. Bei Sturmflut wurde ein Boot an den Schornstein gebunden, mit dem sie sich zur Not zum sicheren Geesthang retten konnten. Trotzdem stand alle fünf Jahre der Gang zur Behörde an, bei dem das Wohnrecht überprüft und im positiven Fall verlängert wurde.

Kochen und hausfraulich wirtschaften konnte die Teetz überhaupt nicht. Abgesehen davon, dass sie nur über eine mit Treibholz beheizte Kochhexe verfügte, auf der man Mahlzeiten ungenügend zubereiten konnte. Selbst mit dem Kaffeekochen haperte es. Setzte sie mal Eier auf, ließ sie sie den ganzen Tag über kochen, um  die dann grünlichgelben und knallharten Dinger zum Abendbrot zu verzehren.

An warmen Sommerabenden wurde sie hin und wieder von den nachbarlichen Sportsfreunden zum Grillen eingeladen. Aber Anneliese lehnte leckere Koteletts, knackige Bratwürste oder Frikadellen ab, sie bat stattdessen um die Knochen zum Abpulen bei sich zu Hause.

Überhaupt fehlte ihr jedes Interesse an Materiellem: Einmal gestand sie einer näh-kundigen Freundin, dass sie dringend einen neuen BH benötige. „Hier hab ich ein paar alte Jeans. Kannst du mir daraus einen BH nähen?“

Sie besaß keinen Schmuck und hatte zu Geld keine Beziehung. Dafür suchte sie immer wieder die Gesellschaft von Männern. Auch in späteren Lebensjahren. Denn Männer und das Meer waren ihre großen Magneten.

Seit frühester Jugend hatte sie in der Freizeit gepaddelt. Übrigens: Auch kurz nach dem Krieg zog es sie wieder mit dem Faltboot rund um Helgoland, was wahrlich kein Kinderspiel war. Ohne Kompass, dafür bei meterhohen Wellen, Wind und dem stark laufenden Gezeiten-Strom. Eine unglaubliche Leistung!

Natürlich blieb sie auch als Rentnerin dem nassen Element verbunden und schwamm täglich über die Elbe – selbst im Winter.  Doch bei Eisgang – beklagte sie – wären die scharfkantigen Eisschollen am Hals manchmal unangenehm. 

Wenn der Fischer drüben am Südufer lag, dann war das ein zusätzlicher Anreiz hinüber zu schwimmen, um ein wenig zu helfen. Denn Fischerei hatte sie überall und immer interessiert. Dann half sie ein bisschen, um bei einsetzender Dunkelheit zurück zum Nordufer zu schwimmen.

BF.Teetz.ertrunken
Bild-Zeitungs-Artikel anlässlich ihres Todes

1981 verstarb ihr elf Jahre älterer Mann. Nun gab es niemanden mehr, mit dem sie sich austauschen konnte. Als er nicht mehr zur See fahren konnte, hatte sie ihm alles erzählt, was sie unterwegs erlebt hatte. Das fehlte ihr jetzt, obwohl sie zahlreiche enge Freundschaften pflegte, mit denen sie vieles, aber eben nicht alles besprechen konnte. Dann erlitt sie selbst einen Schlaganfall, von dem sie sich nur schwer erholen konnte.

1991 starb Anneliese den Seemannstod, als sie vor ihrem Haus in Falkenstein bei einer Gewitterböe auf der Elbe kenterte. Sie war im Kajak angeschnallt vom Schweinsand gekommen. Noch vor ihrer Abfahrt wurde sie vom Vogelwärter vor dem aufziehenden Gewitter gewarnt. Regen, Sturm und die Strudel vor ihrem Haus wurden ihr zum Verhängnis. Sechs Wochen  später fand man ihre Leiche in dem kieloben treibenden Kajak im Wedeler Tonnenhafen.

Treffen – ihr zu Ehren

Anneliese Teetz hat als Lehrerin eine so starke positive Ausstrahlung gehabt, dass ihre Schüler noch heute mit größter Hochachtung von ihr sprechen. Mit pädagogischem Geschick verstand sie es, die ihr anvertrauten Schüler in der schlimmen Nachkriegszeit mit selbst gebastelten Unterrichtsmitteln und hohem persönlichen Einsatz so zu begeistern und zu formen,  dass sich ihre ehemaligen Kahlkamp-Schüler selbst nach über 60 Jahren – im Jahr 2012 – ihr zu Ehren getroffen haben.

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