Das kleine Kunstwerk „Schaf“
wurde von Aharon Marom aus dem Kibbutz En Hamifratz geschaffen,
der ebenfalls zu den „Kindern von Blankenese“ gehörte.
von Maike & Ronald Holst
Im Oktober 2026 war es genau 20 Jahre her, dass eine Gruppe ehemaliger „Kinder von Blankenese“ nach Hamburg, genauer gesagt in das heutige Elsa-Brandström-Haus in Blankenese, von verschiedenen Organisationen eingeladen worden war. Die herrschaftliche Villa auf dem zur Elbe abfallenden Parkgrundstück hatte bis in die Nazi-Zeit der jüdischen Bankiersfamilie Warburg gehört! Dann wurde das Anwesen enteignet und bis in die Nachkriegszeit als Lazarett benutzt. Als der amerikanische Soldat Eric Warburg 1945 nach Hamburg kam, um bei der Gelegenheit das Anwesen seiner Familie zu besuchen, setzte er sich dafür ein, es zunächst als Auffangstation für jüdische Kinder und Jugendliche, die nach dem 2. Weltkrieg aus dem KZ Bergen Belsen und Verstecken in ganz Europa kamen, zu nutzen. An der Elbe wurden sie liebevoll im „Warburg Childrens Health Home“ aufgepäppelt, unterrichtet und später nach Palästina oder einem Land ihrer Wahl gebracht. Die 24-jährige Lehrerin Betty Adler aus New York übernahm zunächst die Leitung des Hauses, während Reuma Schwarz, 22 Jahre, das Betreuer-Team verstärkte und Betty Adler als Leiterin der Einrichtung ablöste. Später wurde Reuma Ehefrau des israelischen Ministerpräsidenten Chaim Weizmann.

In den Jahre 1946 bis 1948 waren es beinahe 400 junge Menschen, die auf diese Weise in ein Leben fanden, das durch Verfolgung und KZ-Haft bisher nicht stattfinden konnte. Man nannte sie die „Kinder von Blankenese“
Im Jahr 2006 beschloss der Hamburger Senat, die inzwischen betagten „Kinder von Blankenese“ für zwei Wochen nach Hamburg einzuladen. Sie wurden mit gebührenden Ehren in der Hansestadt empfangen. Selbst der Senat ließ es sich nicht nehmen, sie im Großen Festsaal des Rathauses willkommen zu heißen. Und die Blankeneser kümmerten sich um die als Kinder dem Tode Entronnenen wie gute Freunde. Dazu gehörte, dass man sie in Familien einlud. So hatten auch die Autoren dr der damaligen Kinder bei sich zum Kaffeebesuch. Seit ihrer Verfolgung im 2. Weltkrieg waren die aus Polen stammenden Pessach Gelfarb und Jehuda Pries Freunde, die durch Dick und Dünn gegangen waren. Beim Kaffeetrinken schilderten sie ihre Lebenswege auf Hebräisch, von der sie begleitenden Ehefrau Rachel Pries wurden dies ins Englische übersetzt. Pessach und Jehuda waren ca. 1936 oder 1937 geboren. Im Ghetto musste Jehuda miterleben, wie seine Mutter erschossen wurde, als sie sich weigerte, sich von ihren Kindern zu trennen. Wie es ihm und seinem späteren Freund gelang, die jahrelangen Greul der Nazis zu überleben und nach Kriegsende nach Blankenese zu gelangen? Sie waren damals 8 oder 9 Jahre alt. Es fiel ihnen schwer, darüber zu reden.
Als sie damals im Blankeneser „Kinderheim“ ankamen, waren sie voller Ängste und Misstrauen. Doch sie wurden liebevoll willkommen geheißen, wurden gepflegt, gekleidet, ernährt und schon bald auch unterrichtet. Leider währte der Aufenthalt in Blankenese nur ein paar Monate, denn immer neue Überlebende, meist in Gruppen aus Konzentrations- oder Übergangslagern, benötigten ebenfalls Unterkünfte.
Unter dem Namen „Das zentrale Komitee der Shoah“ hatten sich die wichtigsten „jüdischen Flüchtlingsverbände“ zusammengetan, deren Ziel es war, die Überlebenden so schnell wie möglich nach Palästina zu bringen. Und das jüdische Hilfspersonal war angewiesen, die Kinder möglichst schnell körperlich, seelisch und geistig zu ertüchtigen, um ihre Ausreise zu ermöglichen. Schon gegen Ende 1945 waren Einwanderungszertifikate nach Palästina vorbereitet. Und im April 1946 reisten 105 Kinder aus dem Kinderheim in Blankenese nach Palästina.
Unser Besucher Jehuda gelangte wegen seiner Jugend zunächst in ein Kinderheim, während seine Freunde aus Blankenese in einem Kibbuz aufgenommen wurden. Nach so vielen Jahren klang die Enttäuschung über diese abermalige Trennung von wichtigen Bezugspersonen immer noch aus seiner Stimme. Als Erwachsener musste er sein Geld als Busfahrer verdienen, da ihm für einen anspruchsvollen Beruf die schulische Grundausbildung fehlte.
Dagegen hatten die Eltern seiner Frau Rachel rechtzeitig Nazi-Deutschland verlassen und dadurch ihrer Tochter das Studium zur Gymnasial-Lehrerin ermöglicht. Doch der Bildungs-Unterschied hinderte die beiden nicht, eine gute Ehe zu führen und drei tüchtige Kinder zu bekommen. Jehuda erzählte:
Einer seiner Söhne sei Phantom-Pilot in der israelischen Luftwaffe geworden. Sein Bruder fiel schon in der Schule als hochbegabt auf und bekam die Chance in den USA an der berühmten Havard Universität zu studieren. Sein Abschluss-Examen schloss er als Jahrgangs-Bester ab, so dass man sich für seine Herkunft interessierte und seine Eltern kennenlernen wollte. Es folgte eine Einladung nach New York zur Abschlussfeier und zeremoniellen Überreichung der Diplome. Höhepunkt für das Ehepaar war nicht nur die Auszeichnung ihres begabten Sohnes, sondern dass viele der anwesenden Eltern unbedingt den Busfahrer und seine Frau aus Tel Aviv kennenlernen wollten, die einen so außerordentlich klugen Sohn hatten. Welch Höhepunkt im Leben der einst Geschundenen und Verfolgten!
Noch während Jehudas Sätze ins Englische übersetzt wurden, kramte er aus einem Beutel ein aus Wellpappe geschaffenes Kunstwerk. Ein Schaf. Das überreichte er den Gastgebern. „Aharon Marom gehört zu unserer Gruppe und ist der Künstler, der das Schaf geschaffen hat“ Welch treffendes Symbol. Uns ein duldsames Schaf als Mitbringsel zu überreichen.
Sein Freund und Leidenskamerad Pessach wartete mit einer Geschichte auf, die fast noch mehr unter die Haut ging. Er hatte eines Abends eine polnische Dokumentarsendung über den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen im israelischen TV gesehen. Dabei kam ihm eine interviewte Zeitzeugin bekannt, ja, sogar vertraut vor. Sie erinnerte ihn stark an seine kleine blonde wie blauäugige Schwester, die bei Kriegsanfang einer befreundeten katholischen Familie anvertraut worden war, um sie, getarnt als deren Kind, vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Ob die Dame aus dem Fernsehen seine kleine Schwester war? Er schrieb an die polnische Fernsehstation und wartete ungeduldig auf Antwort. Schließlich kam ein Schreiben, doch leider war es keine Bestätigung seiner Vermutung. Stattdessen musste er viele Fragen beantworten. Abermals vergingen langsam dahinkriechende Tage und Wochen, bis er aufgefordert wurde, eine DNA-Probe nach Warschau zu schicken. Das gleiche hatte wohl auch die Dame, die seine Schwester sein konnte, tun müssen. Ein paar Wochen später traf wiederum ein Kuvert aus der polnischen Hauptstadt ein. Er riss es auf, zerrte den Brief heraus, der in der Aufregung beinahe zerrissen worden wäre und las: „Es handelt sich tatsächlich um Ihre Schwester. Das hat eine Laboruntersuchung ergeben.“ Obendrein erhielt er die polnische Adresse seiner längst totgeglaubten Schwester, der einzig Übriggebliebenen seiner ermordeten Familie.
Es dauerte nicht lange, da konnte er sie am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv in die Arme schließen. Endlich, endlich. Dem Himmel sein Dank für dieses Masel Tov!
Pessachs Gegenbesuch in Polen folgte bald darauf. Doch die nun wieder vereinten Geschwister wollten in ihrer bisherigen Heimat bleiben: sie in Polen, er in Isreal. Verbunden blieben sie durch Briefe, Telefonate, gelegentliche Besuche und – das liebevolle Band der wiedergefundenen Familie.
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zum Thema:

Zeitzeugengespräch im Elsa Brändström Haus mit Uri Hirsch
Die Veranstaltung bildet einen Auftakt der Gesprächsreihe
>Zeitzeugen zu lebendigen Gedenken an „80 Jahre Kinder von Blankenese“<,
von 2026 bis 2028.


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