Text von Maike und Ronald Holst –
in ihrem Buch „Blankeneser Frauen“ – erschienen 2013
Nach 1848 war politischen Vereinen die Aufnahme von Frauenspersonen, Schülern und Lehrlingen verboten. Auch durften diese Personen nicht an Veranstaltungen und Sitzungen teilnehmen, bei denen politische Themen behandelt wurden.
1865 gründeten einige Damen den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“. Sie forderten die Erschließung aller Bildungsmöglichkeiten für Frauen, Recht und Anspruch auf Arbeit und das Recht der freien Berufswahl.
Trauertracht zum Hochzeitsfest

Während der Frachtfahrerzeit (ca.1820 – 1870) stiegen viele Blankeneser Fischer ins sehr lukrative Transportgeschäft ein.
Das heißt, sie segelten zunächst mit ihren kleinen Ewern über die Weltmeere, durchlitten die Umrundung von Cap Horn, wurden bei Sturm über Bord gewaschen, verhungerten oder verdursteten bei Flauten.
Sie ertranken oder starben durch Unfälle und Brände an Bord, an Gelbfieber oder anderen tropischen Krankheiten.
Beinahe jeder Zweite ließ auf diese Weise sein Leben in der Fremde.
Seemannsbräuten schenkte man deshalb schon zur Hochzeit eine Trauertracht.
Abbildung: Die erste Trauertracht
Da es üblich war, mindestens zwei Jahre lang Trauer zu tragen, wunderten sich Reisende dieser Epoche über die vielen schwarz gekleideten Frauen. Überhaupt, im Dorf Blankenese schienen nur Frauen und Kinder zu leben.
Aus Not wird Tugend: Blankeneserinnen müssen selbst Geld verdienen
Wegen der hohen Mortalitätsrate und der vielen Krankheiten und Blessuren bei Seeleuten hielten Blankeneser Familien notgedrungen eng zusammen. Denn noch waren Alters-, Invaliden-, Witwen- oder Waisenrenten nicht erfunden.
Wenn irgend möglich, heiratete ein Bruder des zu Tode gekommenen (egal ob er der Schwägerin sympathisch oder unsympathisch war) dessen Witwe und übernahm so die Fürsorge für die Familie. Das war Witwen- und Waisenversorgung auf Blankeneser Art. Doch nicht immer gab es einen ledigen Bruder. In solchen Fällen versuchte die Witwe Arbeit zu bekommen, während ihre Kinder bei Verwandten, Freunden oder Nachbarn Unterschlupf finden mussten.
Zum ersten Mal boten sich den Frauen Verdienstmöglichkeiten gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als die ersten wohlhabende Kaufleute aus Altona und Hamburg nach Blankenese zogen und die Sommer auf ihren Landsitzen verlebten. Sie benötigten Dienstpersonal für Haus, Garten und Park.

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Blankenese langsam zur Sommerfrische. Die Bewohner der nahen Städte entdeckten das Fischerdorf als reizvolles Sonntagsausflugsziel. Manche wollten sogar länger bleiben und suchten Sommerfrische-Quartiere.
Für Not leidende Seemannsfrauen taten sich ganz neue Verdienstmöglichkeiten auf. Sie vermieteten Zimmer an „Inloschierers ut fremde Natschonen“, zu denen natürlich auch die Hamburger zählten, während sie selbst und ihre Familien ins Waschhaus oder auf den Dachboden zogen. Diese Art Geschäft betrieben viele. Der Nachteil war, dass man damit nur ein kleineres Zubrot verdienen konnte, weil die Zimmerzahl und die Kürze der Saison schnell Grenzen setzte.

Eine weitere Geschäftsmöglichkeit war der ambulante Handel. Dabei ging man entweder von Haus zu Haus und bot Waren feil. Oder man offerierte sie da, wo Menschenmassen zu finden waren, z.B. am Strand, auf den Anlegebrücken oder nach 1867 am neu entstandenen Bahnhof. Eine Steigerung dieser Art des Warenverkaufs war der feste Kiosk oder das Behelfsgeschäft, beispielsweise im Hausflur.
Ergab sich die Gelegenheit, hatte man das nötige Kleingeld, wurde sogar ein Einzelhandelsgeschäft eröffnet, das Touristen und die nähere Umgebung versorgte. So entstanden im ausgehenden 19. Jahrhundert allein in den 162 Häusern der Blankeneser Hauptstraße mehr als 80 Läden. Dazu boten die zahlreichen Lokale, die vor allem am Elbufer und an interessanten Aussichtspunkten eröffneten, vielfältige Arbeitsplätze für einsatzfreudige Frauen. Denn neben Kellnerinnen waren Kräfte für Küche und Keller gefragt, Putz- und Waschfrauen, Büglerinnen bis hin zur Klofrau.


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Gesa von Ehren, geb. Meier , 1805 – 1866
Kapitänswitwe und Vermieterin
Metta Wichmann geb. Wagner, 1808 – 1884
Ladenbetreiberin
Viel zu früh war er gestorben, ihr Mann, der Schneider Peter Wichmann. Was sollte sie in dieser Situation tun? Ersparnisse gab es nicht. Doch da waren ihre vier Kinder! Das jüngste, Carl, noch unmündig. Die Schwiegereltern hatten auch kein Einkommen und keine Notgroschen. Metta aber war 47 Jahre alt. Konnte sie als alte Frau denn noch etwas Neues aufbauen? Wenn nicht, was sollte aus den Kindern werden?
Noch im Todesjahr ihres Mannes entschloss sich Metta Wichmann geb. Wagner den Eingangsraum ihres kleinen Hauses zu nutzen. Dort im Schulten-Immenbarg Nr. 6 eröffnete sie um 1855 einen Lebensmittelhandel.

Zum Sortiment eines Ladens gehörten damals nicht etwa nur Grundnahrungsmittel, sondern auch Petroleum für Lampen oder Fliegenfänger, Mäuse- und Rattenfallen, Salzheringe aus dem Fass, Lampengläser für Petroleumfunzeln, Krüge und Töpfe.
Damit sie attraktive, preiswerte Ware bieten konnte, ging Metta zweimal wöchentlich nach Altona und besorgte dort das eine oder andere.
Eine Vorortsbahn gab es noch nicht. Lediglich der Pferdebus befuhr die Elbchaussee. Doch der war ihr viel zu teuer. Den konnte sich Frau Wichmann nicht leisten. Deshalb ging sie die Strecke zu Fuß.
Neun Kilometer sind es von Blankenese nach Altona.
Dann kam der Einkauf. Die Kiepenlast wurde immer schwerer. Zurück waren wieder neun Kilometer zu tippeln. Das alles mit schlechtem Schuhzeug.
Bei jedem Wetter!
Zweimal zwei bis drei Stunden
– wöchentlich!
Foto: Enkel Carl Wichmann übernahm den Laden
Sie muss den Laden bis ins hohe Alter betrieben haben, bevor ihn ihr Sohn und später ihr 1881 geborener Enkel Carl übernahm und bis 1964 führte.
Quellenangabe:
Interview mit Helmut Wichmann
Witwen übernehmen Reedereivertretungen
Die Blankeneser Schiffseigner mussten feststellen, dass ihre kleinen Frachtsegler für die Fahrten über die Weltmeere nicht optimal geeignet waren, besonders weil sie viel zu geringe Tonnage transportieren konnten. Zur Finanzierung größerer Schiffe reichten die eigenen Mittel aber nicht aus. Deshalb wurden Mitreeder gesucht und hauptsächlich im Familien- und Freundeskreis gefunden. Den größten Anteil eines Schiffes hatte gewöhnlich der Kapitän, der dann auch als Reeder fungierte.

Kam ein Reeder ums Leben, musste sein Broterwerb weiter geführt werden. Meist übernahm die Witwe diese Aufgabe. Sie betreute das/die Schiffe ihres Mannes als Korrespondenzreederin weiter. (In Blankenese benutzte man den Begriff Korrespondenzreeder für den stellvertretenden Reeder.)
Allerdings musste ein Schiffs- Kapitän bei den schwierigen bis fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten meist in eigener Verantwortung und ohne Abstimmung mit der Korrespondenzreederin handeln. Während der Fahrten traf er praktisch alle Entscheidungen allein: Planung des Schiffseinsatzes, Routen, Zusammenstellung / Ergänzung / Heuer der Mannschaft, Ausrüstung und Versorgung des Schiffes, Kalkulation der Frachtraten, Reparaturen unterwegs usw.
Foto: Margareta M. Kröger
Deshalb suchte die Korrespondenzreederin einen Mann ihres Vertrauens als Kapitän. Sie selbst hat bei der Rückkehr des Schiffes seine Abrechnungen geprüft, über nötige Reparaturen oder den Verkauf entschieden, Verhandlungen mit der Schiffsversicherung geführt und mit Gläubigern verhandelt haben. Das alles ohne entsprechende Ausbildung und angemessene Bezahlung, denn erst nach etwa 1850 war eine Vergütung von etwa 200 Mark jährlich für sie üblich. Gegen Ende der 1870er Jahre behielt der Korrespondenzreeder 2% vom Bruttoverdienst für sich. Wir nehmen an, dass diese Regelung auch für die betreffenden Frauen galt.
Folgende Blankeneser Witwen stehen beispielhaft für die vielen weiblichen Korrespondenzreeder:
Witwe Claus Kröger 1849 für den Ewer Maria,
Caroline von Appen 1861 – nach dem Seemannstod ihres Mannes,
Hinrich Stehrs Witwe für die Galeasse Carl & Agnes,
Joh. Langes Witwe für den Schoner Juno,
Peter Brechwoldts Witwe für den Schoner Venus,
Hans Krögers Witwe für den Schoner Betty,
Margarete Kröger, deren Mann 1869 in der Elbmündung von Bord der Margarete gewaschen wurde,
Maria Breckwoldt 1868 für den Schoner Immanuel,
Meta Schade für die Brigg Agathe,
Elisabeth Schade für die Dreimastschoner Agathe,
Alerte und Alfred, Anna Elsabe Stehr für die Brigg Catharina,
Witwe Claus Stehr für die Geleasse Heinrich,
Witwe Jürgen Tampke für die Maria,
Anna Elisabeth Lange für den Schoner Familie.
Ww. Catharina Margaretha Hülsen, 1827 – 1888, Korrespondenzreederin
1863 hatte sich Kapitän Hans-Peter Hülsen in Finkenwerder eine Schonerbrigg bauen lassen, die Theodor. Doch nur vier Jahre konnte er sich an seinem Schiff erfreuen. 1864, auf der Rückreise von Curacao nach Hamburg, starb er am Gelben Fieber.


Neben dem Verlust des Ehemannes, Ernährers und des Familienvaters (Sohn Johannes z.B. war erst neun Jahre alt) beschäftigte die Witwe die Zukunft der Theodor, die jetzt ohne Reeder und ohne Kapitän in Blankenese lag. Schließlich entschied sie, als jetzige Eignerin auch die Funktion des Korrespondenzreeders zu übernehmen. Dann hätte sie zumindest einen kleinen Zuverdienst und könnte über die Zukunft des Schiffes im Sinne der Familie entscheiden.
Sie fand wohl auch schnell einen neuen Kapitän. Doch etwas gibt Rätsel auf: In zehn Jahren fuhren auf der Theodor fünf Kapitäne. Lag es etwa an der Reederin? Prüfte sie die Bücher zu genau? Man kann dazu viele Mutmaßungen anstellen.
1874 lief die Theodor im Kanal bei Dartmouth auf einen Felsen und ging verloren. Der Kapitän und zwei Matrosen fanden dabei den Tod. Unter den Geretteten befand sich Johannes Hülsen, 19 Jahre alt, Sohn der Korrespondenzreederin Margaretha Hülsen.Auch wenn der Untergang des Schiffes ein Riesenverlust war, ihr Sohn Johannes hatte überlebt! Das war für die Mutter das Allerwichtigste!
Quellenangabe:
Jürgen Meyer, „150 Jahre Blankeneser Schifffahrt“, S. 266
Sieben Jahre fern der Heimat – und nie einen Brief geschrieben?
Beinahe die Hälfte aller Blankeneser, die vor Mitte des 19. Jahrhundertsgeboren wurde, konnte weder lesen noch schreiben. Das galt für Frauen daheim, wie für die Männer auf See. Die Betreffenden waren also weder in der Lage Briefe zu lesen noch zu schreiben und blieben so von ihren Familien oft über Jahre emotional abgeschnitten.
Der Heimatforscher Ehrenberg schrieb dazu: „Um die Mitte des 19. Jahrhunderts konnte bei weitem nicht die Hälfte der Blankeneser ihren NAMEN vollständig schreiben. Die meisten mussten sich mit einem Kreuz oder den Anfangsbuchstaben ihres Namens begnügen, während die bloße „Unterzeichnung“ mit der Hausmarke schon vor 1800 ´in Abgang` kam.“
In Dänemark war die Schulpflicht zwar schon zur Mitte des 18. Jahrhunderts per Gesetz erlassen, doch an dessen südlicher Einflussgrenze selbst 100 Jahre später immer noch nicht ganz umgesetzt worden. Lediglich Schiffsoffiziere und Kapitäne schickten ihre Kinder, vorrangig Söhne, zur Schule. Denn der männliche Nachwuchs sollte auch Kapitän werden.
Quellenangabe:
Richard Ehrenberg „Aus der Vorzeit von Blankenese“, Verlag Otto Meißner, 1897
Kapitänsfrauen auf Großer Fahrt
In der Zeit von 1820 bis 1900 war es keineswegs ungewöhnlich, dass ein Kapitän seine frisch angetraute Frau mit auf Große Fahrt nahm. War dies doch die einzige Möglichkeit, sich wirklich kennen zu lernen.
Wir haben uns gefragt, ob die jungen Frauen ohne Bedenken an Bord gingen. Über die Unbequemlichkeit und Entbehrung auf einem Schiff, das Ausgeliefertsein, die Gefahren der See, waren sie bestens informiert. Dagegen standen Abenteuerlust, Prestigegewinn, das Drängen des Ehemanns.
Ob die „Seereise“ für Damen ein Vergnügen oder eine Höllenritt wurde, hing sicher von vielen individuellen Faktoren ab. Immerhin gab es Frauen, die selbst mit ihren Kleinkindern an Bord blieben.
Elisabeth Oestmann geb. Breckwoldt, 1858 – 1882

Die Ventilia war als besonders schnelles und wendiges Schiff bekannt.
Die noch im Familienbesitz befindliche Trackkarte, auf der die Reisedaten eingetragen wurden, bricht am 27. April 1882 ab, kurz vor Einfahrt in den englischen Kanal.
An diesem Tag starb nämlich ihr Kapitän Hans Oestmann jun. im gleichen Seegebiet, in dem fünf Jahre zuvor dessen junge Ehefrau Elisabeth gestorben war.
Foto: Bis 1870: Er durfte sitzen, sie hatte zu stehen!
Hier Elisabeth und Hans Oestmann
Quellenangabe:
Jürgen Meyer „150 Jahre Blankeneser Schifffahrt“, S. 269
Katharina Margareta Stehr geb. Breckwoldt, 1831 – 1865
Mit Säugling auf Felsen gerettet – tot
Die Adonis wurde von Kapitän Johann Stehr geführt und war mit einer Ladung Stockfisch von Norwegen ins Mittelmeer unterwegs. Doch das Schiff trieb am 29. September 1865 in der Nähe von Parra/Spanien auf einen Felsen und wurde zerschlagen. Ein Teil der Besatzung ertrank. Die Übrigen retteten sich auf einen Felsen. Zu den Überlebenden gehörte auch Kapitän Stehrs Ehefrau Catharina Margaretha, älteste Tochter des Reeders Friedrich Breckwoldt, sowie ihr Kind. Doch bei steigender Flut wurde die total Erschöpfte mit ihrem Säugling im Arm von einer See fortgerissen. Ihr Mann, Johann Stehr, aber wurde gerettet.
Quellenangabe:
Jürgen Meyer „150 Jahre Blankeneser Schifffahrt“, S. 97
Gesine Kröger geb. Pieper, 1849 – 1917
Ehefrau in Kriegsgefangenschaft
Im Oktober 1870, auf der Reise von Hamburg nach Montevideo, wurde die Thalia von französischen Kriegsschiffen (Krieg 1870/71) gekapert und am 9. Februar 1871 in Bordeaux als Prise kondemniert. Kapitän Jürgen Krögers Ehefrau Gesine, die sich ebenfalls an Bord der Thalia befand, geriet mit ihrem Mann und der Besatzung in französische Gefangenschaft.
Quellenangabe:
Jürgen Meyer „150 Jahre Blankeneser Schifffahrt“, S. 265
Marianne Breckwoldt geb. Breckwoldt, 1857 – 1877
Verschollen
Der Dreimastschoner Oceanus verließ am 9. Juli 1877 Formosa mit Ziel Sydney. Seitdem gilt das Schiff als verschollen. Entweder ist es im Taifun untergegangen oder es wurde von chinesischen Piraten gekapert. Außer der neunköpfigen Besatzung waren die 20-jährige Frau des Kapitäns Marianne und ihr auf See geborenes sieben Monate altes Kind an Bord.
Quellenangabe:
Jürgen Meyer „150 Jahre Blankeneser Schifffahrt“, Seite 242
Marie Oestmann geb. Becker, 1857 – 1881
Vom Gelben Fieber dahingerafft
Johannes Oestmann starb am 27. August 1881 als Kapitän des Dreimastschoners General von Werder auf der Reise von Bonni in Westafrika nach Falmouth/GB am Gelben Fieber. Wenige Wochen vorher war seine 24jährige Ehefrau Marie Antonie Caroline der gleichen Krankheit im Hafen von Bonni erlegen. Das junge Paar war nur wenige Monate verheiratet.
Quellenangabe:
Jürgen Meyer „150 Jahre Blankeneser Schifffahrt“, S. 272
Metta Breckwoldt geb. Kröger, 1859 – 1910
´Niedergekommen im Orkan vor Kap Horn
Kapitän David Breckwoldt war Sohn des Reeders Thies Breckwoldt. Sein Sohn Theodor Breckwoldt wurde auf einer Reise von Guayaquil nach New York an Bord der Nautik, auf Position 80° West und 54° Süd am 22. März 1880 geboren.
Theodors Mutter Metta war schon seit ihrer Hochzeit am 12. April 1879 an Bord, als sie in der Nähe von Kap Horn niederkam. Das Wetter war extrem schlecht. Selbst in der Kapitänskajüte, die als Kreißsaal herhalten musste, stand das Wasser drei Fuß (über 90 Zentimeter) hoch, denn das Deck wurde immer wieder von schweren Brechern überrollt, die Sturzseen auch ins Schiffsinnere dringen ließen.

Für den Kapitän, Vater und Geburtshelfer, blieb nur wenig Zeit, sich um die junge Mutter und seinen neugeborenen Sohn zu kümmern. Denn die Überlebenspflicht rief ihn – aber auch jedes andere Besatzungsmitglied – an Deck.
Die Wöchnerin hatte indes eine gute Idee:
Sie legte ihr Baby nicht etwa in eine Wiege, sondern bettete es behutsam in die obere Schublade einer eingebauten Kommode.
Foto: Metta Breckwoldt mit dem kleinen Theodor
Trotz dieser Erlebnisse wollte die junge Mutter auch die nächste Reise mit ihrem Mann zusammen machen. Sie muss eine ziemlich hart gesottene Seemannsfrau gewesen sein. Doch als die Nautik nach einem Jahr wieder in Hamburg festmachte, erlaubte Schwiegervater Thies Breckwoldt – man höre und staune – ihr keine weitere Reise. Seine Enkelkinder, legte er kategorisch fest, sollten in Blankenese geboren werden. So gestaltete sich damals das Mitspracherecht der Schwiegereltern.
Quellenangabe:
Jürgen Meyer „150 Jahre Blankeneser Schifffahrt“, S. 238
Maike und Ronald Holst „Stille Häuser – stürmische Geschichten“, Klaus-Schümann-Verlag, 2010,
Lisette Oestmann geb. Dubach
Lebensdaten unbekannt, Schiffbruch – 4 Tage nach einer Geburt
„Die Speculant befand sich auf der Heimreise von Chile nach Hamburg. Ihre Ladung Kakaobohnen war lose bis unter Deck eingeschüttet. Schon bei der Fahrt ums Kap Horn herrschte schweres Wetter und das Schiff machte Wasser. In der Nacht vom 22. auf den 23. Juli 1880 brach plötzlich ein Sturm aus Südost herein. Um den ersten Druck abzuwehren, kappte man die Fockschot und das Klüverfall. Dann nahm man die anderen Segel unter größten Anstrengungen weg. Der Druck der Böen hörte dadurch auf. Doch nun trieb die Brigg steuerlos und war den Elementen ausgeliefert. Die Seen rollten über das Schiff hinweg.
Die einzige Möglichkeit, Schiff und Mannschaft noch zu retten, war das Schiff zu leichtern, indem man die Masten kappte. Dies geschah morgens zwischen vier und fünf Uhr. Der Orkan half dabei nach und legte die Masten mit solcher Wucht um, dass sie sofort frei vom Schiff kamen. Die Briggwar nun sichtbar leichter geworden.
Alle Mann konnten an die Pumpen gehen, wurden aber des eingedrungenen Wassers nicht Herr, da fortwährend neue Brecher übers Deck rollten. Erschwerend kam hinzu, dass die Ladung Kakaobohnen ins Treiben kam und die Pumpen verstopften. Zum Glück ließ der Sturm etwas nach und gegen Abend beruhigte sich die See. Die Mannschaft war am Ende ihrer Kräfte und musste das Pumpen einstellen.
Für den Morgen beabsichtigte man, die Ladung über Bord zu schaufeln, um damit die letzte Möglichkeit zur Rettung des Schiffes zu versuchen.
Da erscholl der Ruf „Schipp in Sicht!“
In der Tat sah man im Morgennebel, dass sich ein Segel näherte.
Die Mannschaft trat zur Beratung zusammen. Es wurde beschlossen, angesichts des hoffnungslosen Zustandes der Brigg, sie zu verlassen. Eine andere Möglichkeit zu überleben bestand nicht mehr.
Man gab Notsignal, das vom fremden Schiff gesehen wurde. Es kam heran und entpuppte sich als das englische Vollschiff Mercia, das aus Neuseeland kam und nach London bestimmt war.
Nachdem es die Lage der Speculant erkannt hatte, ging es in Lee des Wracks und setzte ein Boot aus, da die Boote der Brigg zertrümmert waren. So kamen alle in Sicherheit, die Mannschaft, der Kapitän sowie dessen Frau, Lisette Oestmann, geb. Dubach, und deren Sohn, der vier Tage zuvor an Bord geboren worden war.
Die Speculant aber, deren Deck beim von Bord gehen schon tief im Wasser lag, wurde ihrem Schicksal überlassen.
Kapitän Hick von der Mercia landete die Schiffbrüchigen in Pernambuco. Kapitän Georg Oestmann, seine Frau Lisette und der am 19. Juli 1880 geborene Jürgen setzten ihre Fahrt als Gäste des englischen Kapitäns nach London fort.
Georg Oestmann ist 1883 mit der Blankeneser Bark Fedalma verschollen. Sein auf See geborener Sohn Jürgen ertrank am ersten Ostertag im Jahr 1900 beim Segeln vor Blankenese.“
Quellenangabe:
Jürgen Meyer „150 Jahre Blankeneser Schifffahrt“, S. 260 ff
Katharina Dreyer, 1852 – 1954
Schiffbrüchige Kapitänsfrau
Auch Katharina Dreyer erzählt mit Stolz von ihren Fahrten auf der Katharina.
Bei Gibraltar, sagt sie, überholten sie einmal alle Dampfer, die gegen die Strömung zu kämpfen hatten, während die Katharina vom Sturm geschoben, mit ungeheurer Schnelligkeit dahin flog.
Alles ging auf ihrer langen Reise gut. Aber als sie in der Elbmündung ankamen, strandeten sie bei Scharhörn. Der Strandvogt von Neuwerk holte sie samt der Ladung ab. Sie blieben acht Tage auf dem Neuwerker Turm. Mittlerweile hatte sich bei ihrer Katharina das Strandrecht bemerkbar gemacht: Türen, Messing- und Kupferteile, Nahrungsmittel, kurz alles, was los zu lösen und mit zu nehmen war, wurde herunter geholt. Und der Kapitän fand sein Schiff leer.
Da ging es dann vom Neuwerker Turm mit Pferd und Wagen nach Cuxhaven und von dort mit dem Kleinen Patriot, dem einzigen zwischen Hamburg und Cuxhaven verkehrenden Schiff, in acht Tagen die Elbe herauf.
In Hamburg herrschten die „Schwarzen Pocken“, und der kleine Sohn, dem die junge Frau kurz nach ihrer Rückkehr das Leben schenkte, erlag 1872, kaum 22 Tage alt, der furchtbaren Krankheit.
Quellenangabe:
Archiv Käthe Stryi
Helene Struve geborene Jessen, 1858 – 1935
Irrfahrt in die Heimat
Kapitän Alfred Struve wurde 1914, zu Beginn des 1. Weltkriegs, mit seinem Dampfer Landrat Scheiff in Bangkok interniert. Zusammen mit seiner Frau Helene, die ihn auf dieser Reise begleitete, saß er mehr als drei Jahre in Siam (heute Thailand) fest. Schließlich gelang es Alfred, das internierte Schiff 1917 an den Hamburger Kaufmann Johannes M.K. Blumenthal zu verkaufen, der seine Neuerwerbung im fernen Asien stolz in Edwin Reith umbenannte. Kurze Zeit später trat auch Siam in den Krieg gegen das Deutsche Reich ein und Franzosen beschlagnahmten das Schiff.

Ehepaar Struve trat umgehend die dramatische Landreise quer durch Burma, Britisch-Indien, Persien und die Türkei in Richtung Heimat an. Nach vielen unerwünschten Aufenthalten und unendlichen Strapazen landete das Paar drei Jahre später, nämlich 1920 in Blankenese.
Quellenangabe:
Jürgen Meyer „150 Jahre Blankeneser Schifffahrt“, S. 199 f
Maike und Ronald Holst „Stille Häuser – stürmische Geschichten“, S. 100, Klaus-Schümann-Verlag 2010,
Anders als den Kapitänen erging es Besatzungsmitgliedern
Die Mannschaft – vom Matrosen bis zum Steuermann: Sie durften ihre Frauen natürlich nicht mit auf Reisen nehmen, setzten beinahe täglich ihr Leben für bescheidene Heuer aufs Spiel und waren häufig über Jahre von Zuhause fort.
Obwohl diese Gruppe die Mehrzahl der männlichen Blankeneser Bevölkerung stellte, sind kaum Zeugnisse von ihnen überliefert, auch weil eine Reihe von ihnen weder lesen noch schreiben konnten.
Frauen daheim hatten es unsäglich schwer
Catharina Kröger geb. Köster, vermutlich 1845 – 1876
Sie wusste nicht mehr weiter
Als Catharina Kröger von dem schrecklichen Unglück erfuhr, verzweifelte sie. Ihr Ehemann, Kapitän Hinrich Kröger, war mit seinem Schiff Annie in der Nordsee untergegangen.

Damit hatte Catharina nicht nur ihren Partner und den Vater ihrer fünf Kinder verloren, sondern der Familie war auch die Existenzgrundlage – das Frachtschiff – genommen.
Außerdem drückte sie die Schuldenlast des noch nicht bezahlten Kahns. Um das Maß voll zu machen, kam der Gläubiger des Schiff-Kredits und forderte dessen augenblickliche Rückzahlung.
Das alles war zuviel für die arme Frau.
Sie erhängte sich.
Foto: Catharina Kröger mit Kindern
Ihre Kinder, das jüngste ein, das älteste zehn Jahre alt, kamen daraufhin in unterschiedliche Familien, wuchsen bei Verwandten, Freunden und Nachbarn auf.
Quellenangabe:
Maike und Ronald Holst „Stille Häuser – stürmische Geschichten“, S. 84, Klaus-Schümann-Verlag 2010,

Johanna Maria Raupert, geb. Elmenhorst, 1850 – 1923
Wohnen auf Treppenstufen

Catharina Kühn, geb. Proföhr, 1836 – 1922
Sie warf ihn einfach raus…
Metta Tamcke, 1862 – 1943
Nur eine Speckschwarte
Johannes Tamcke (1889 – 1981) hatte zahlreiche Geschwister. Sein Vater, ebenfalls ein Johannes Tamcke, fuhr als Matrose zur See und brachte seine Heuer sehr unregelmäßig – wenn überhaupt – nach Haus. Seine Familie lebte deshalb in bitterer Armut.

Da seine Frau Anna Catharina Tamcke geb. Backhaus (1862 – 1922) ihre Kinderschar nicht allein ernähren konnte, verdingte sie sich als Weißnäherin. Ihre Kinder musste sie verschiedenen Verwandten anvertrauen, wie das in dieser Situation üblich war.
Ihr Sohn Johannes wuchs bei seiner Tante Metta Tamcke, Am Hang 24, auf. Doch auch der Tante ging es nicht rosig. Manchmal blieb nur eine Speckschwarte, aus der sie für Johannes und sich Suppe kochte, die mehrere Tage reichen musste.
Quellenangabe:
Maike und Ronald Holst „Stille Häuser – stürmische Geschichten“, S. 12 f, Klaus-Schümann-Verlag 2010,


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