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„Blankenese“

„Blankenese“

„Blankenese“

Schon auf der Fahrt in der Regionalbahn an diesem kalten Morgen im April nach Hamburg hinein grüßt die Eine und der Andere mit ‚Guten Morgen‘ was einem in Berlin oder Nürnberg nach dem Motto: guten Morgen? Ganz dünnes Eis! so eher nicht passiert. In Norddeutschland hingegen Kultur und gute Laune.

Dass bei der Metronom Eisenbahngesellschaft hingegen weniger gute Laune herrscht, vermute ich bei der Durchsage des Zugbegleiters während der Einfahrt in den Hauptbahnhof Hamburg: „Für ihre Weiterreise und Anschlusszüge fragen sie ihren Arzt oder Apotheker“ (ohne ‚bitte‘).

Ich fahre mit der S-Bahn weiter.
Ein Transvestit, blond, schlank, hochgewachsen, Sonnenbrille, nacktarmig im rosa Negligé, schwarze Seidenstrümpfe, goldene Plateau-Highheels, alles trotz der kalten Witterung draußen, steigt am Jungfernstieg aus.
Um den S-Bahnhof Othmarschen herum wird bereits Seebad-Atmosphäre vor strahlend blauem Himmel simuliert. Jedenfalls architektonisch.
In Blankenese ist die S-Bahn zurückhaltend ausgedrückt nicht mehr sehr voll.
Der Bahnhof zeugt immer noch von nicht vergangener Pracht. Tauben haben hier keine einzige Chance, ganz im Gegenteil zu der Taubenplage im Hauptbahnhof.

Beim Verlassen des Bahnhofs ertönt hinter mir Musik aus einem kleinen Ghettoblaster, den ein kleiner, untersetzter, ganz in schwarz gekleideter Mann auf seiner Schulter trägt. Man könnte ihn auch für eine Frau halten, denke ich als er mich überholt. Oder für divers.
Als er einmal vor mir stehen bleibt, um sich gen Himmel zurück gebeugt, beim Mitsingen des Refrains (…endlich wieder hier in meinem Revier) ordentlich ins Zeug zu legen, frage ich ihn im Vorbeigehen, ob das Westernhagen wäre und erhalte aus seiner Klangwolke zur Antwort ‚grad nicht‘. Die umgebenden Passanten im angrenzenden Straßencafe sind amüsiert.

Niemand hier trägt billige Schuhe und die Ampelgrünphase an der Kreuzung ist dermaßen lang, dass ich sie trotz meiner Langsamkeit in aller Ruhe ohne stehen bleiben zu müssen nutzen kann.
Ein erster Ferrari in raffiniert dezentem mattschwarz rollt lautlos an mir vorbei (hier röhren nur die Porschefahrer). Ich rechne auf Grund der bereits gewonnenen Gesamteindrücke schon sehr bald mit weiteren solchen Fahrzeugen.

Die Blankeneser Hauptstraße ist entgegen meiner Erwartung nichts weiter als ein nicht besonders schmaler asphaltierter Bergweg.
Im Treppenviertel eilen die Postzusteller im Joggingmodus die Treppen hinab und tatsächlich auch wieder hoch. Offenbar winken hier GANZ andere Trinkgelder.

Auf meinem Smartphone erscheint eine Anfrage von Christoph:
Hi, weißt du schon wann du ankommst?

Ich stelle meinen Rollkoffer auf die Eingangsstufe
vor die offenstehende Hauseingangstür des Hauses,
schreibe
‚Bin da‘
und schieße ein Foto
von der bizarren Kulisse
des bebauten Berghanges gegenüber.


D.W.

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