Gedanken von Hans Küng

Bild: katholisch.de

Küng, der Weltenkenner und vielseitige Theologe, Erfinder des “Weltethos”, war vom Leitmotiv eines tiefen Vertrauens inspiriert: Vertraue der Welt, den Mitmenschen und Gott. Daraus erwuchs eine Fülle von interessanten Büchern und weiterführenden Gedanken.  Hans Küng starb am 6. April 2021.
Die Freunde Hermann Häring und Walter Lange geben wöchentlich einen Denkanstoß von Hans Küng.

Wenn Sie die “Anstöße” per Mail erhalten wollen, dann senden Sie Ihre Adresse an Kueng.Gedanken@Blankenese.de.und falls sie sich abmelden wollen gilt dieselbe Adresse.


14. – 20. August 2022

Der Mensch muss die sichtbare Oberfläche der Dinge durchstoßen und in sich selber hineinschauen. Dann findet er zutiefst in sich, wenn er die Augen gleichsam schließt und sich nach innen wendet, in sich selber den Ursprung, den Urgrund des Seins, das Brahman, und erfährt: Dieses Brahman und das Atman – so nennt man in Indien die Seele, den Geist – sind … letztlich eins. Das ist nicht ganz so fern von dem, was die christliche Mystik gefunden hat, dass es eine letzte Einheit irgendwo in der Tiefe des menschlichen Wesens gibt. Und sie haben von dort her gefordert: ‚Gott suchen in allen Dingen, vor allem in dir selbst.“ (Erinnerungen III, 367f.)

7. – 13. August 2022

So verstehen sich viele Hindus aus gutem Grund als Monotheisten: Sie glauben an eine einzige göttliche kosmische Kraft, an das eine Uranfängliche, Absolute, umfassend Göttliche, und verbinden dies … mit einer bestimmten Offenbarungsgestalt des Vishnu, des Shiva oder Shakti. Gemäß einem wichtigen Konzilstext „erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Geheimnis und bringen es in einem unerschöpflichen Reichtum von Mythen und in tiefgründigen philosophischen Versuchen zum Ausdruck und suchen durch asketische Lebensformen oder tiefe Meditation oder liebend-vertrauende Zuflucht zu Gott Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Lage“. (Erinnerungen III, 361)

31. Juli – 6. August 2022

In meinem Vortrag in Bombay 1964 nehme ich gegen den mittelalterlichen Monopolanspruch der „allein selig machenden“ katholischen Kirche auf Wahrheit und Heil Stellung. Ich berufe mich auf die universale Heilsperspektive der Hebräischen Bibel im Buch Genesis und des Neuen Testaments … Meines Erachtens muss … nicht nur den einzelnen Nichtchristen, sondern auch den Weltreligionen als solchen … eine Funktion im Heilsplan Gottes zugeschrieben werden“ (Erinnerungen III, 359f).

24. – 30. Juli 2022

Auf meinem Primizbildchen vor fünfzig Jahren steht zu lesen:»Betet auch für mich, dass Gott mir die Tür für das Wort auftue, damit ich das Geheimnis Christi verkünde.« (Kol 4,3). Das also macht mich selbstbewußt: Ich mache mich nicht selbst zu Fundament und Maßstab, sondern das ist für mich Jesus, der Christus, mit seiner Botschaft und seinem Geschick. Dies ist das Fundament, auf dem ich stehe, der Maßstab, an den ich mich halte, das Geheimnis, aus dem ich lebe. (50 Jahre Priester)

17. – 23. Juli 2022

Zu sehr bin ich überzeugt, dass alles, auch meine Ideen und Leistungen, geschenkt sind, als dass ich nicht an jedem neuen Tag schon vor dem Frühstück zum Ausdruck bringen möchte: einen Dank für die geruhsame Nacht und eine Bitte für das, was ich vorhabe, oftmals auch anderer gedenkend, die mir Sorgen bereiten. Ein Gebet auch mittags, und so auch abends: Dank für den Tag und Bitte für die Nacht. Das Gebet ist, sagt Mahatma Gandhi, der Schlüssel für den Morgen und der Türriegel für den Abend. (Erkämpfte Freiheit, 522f )

10. – 16. Juli 2022

Auch wenn ich Gäste aus anderen Religionen oder von keiner Religion habe, unterlasse ich es nie, ein Tischgebet zu sprechen. Die Vertikale ins Unendliche gehört bei mir selbstverständlich zum Horizont auf Erden. (Erkämpfte Freiheit, 522)

3. – 9. Juli 2022

Es genügt, dass man sich jeden Morgen beim Frühstück, mittags und abends nur einen Augenblick besinnt und dankt, etwa für die Nacht und bittet für das Gelingen des Nächstliegenden. Ich mache das regelmäßig vor allen Mahlzeiten. So sage ich zum Beispiel: »Ich habe heute ein Gespräch mit einem Journalisten vor, das recht schwierig ist. Es mögen mir die richtigen Worte eingegeben werden und die richtige Atmosphäre herrschen.« Darum bitte ich. (Wozu Weltethos? 96 f.)

19. – 25. Juni 2022

19. – 25. Juni Ich zweifle nicht daran, dass [buddhistische] Meditationsübungen auch für Christen eine Hilfe sein können: um durch Loslösung von der Welt und Einkehr nach innen zur Überwindung von Verblendung, Hass und Begehrlichkeit und so zur Ruhe, Gelassenheit, und Selbstvergessenheit zu gelangen, also zu einer wahren inneren Befreiung und zur Erleuchtung. 
(Erlebte Menschlichkeit, 399f) 

12. – 18. Juni 2022

Der Buddha Gautama ist ein harmonisch in sich ruhender Erleuchteter und Wegweiser aus mystischem Geist: Von niemandem gesandt, fordert er für die Erlösung vom Leiden im Nirvana ein Aufgeben des Lebenswillens, ruft er zur Weltabkehr und Inneneinkehr, zu methodischer Meditation in Stufen der Versenkung und so schließlich zur Erleuchtung. So bringt er in Gleichmut ohne alle persönliche Anteilnahme jeder fühlenden Kreatur – Mensch und Tier – Sympathie, Milde und Freundlichkeit entgegen; ein universales Mitleid und friedvolles Wohlwollen. (Credo 78)

5. – 11. Juni 2022

Ich erinnere mich, wie ich schon 1984 in einem birmanischen Meditationszentrum … eine Meditation mitgemacht hatte: In Achtsamkeit beobachte ich im Sitzen meinen eigenen Atem und versuche zugleicht nichts zu denken. Aber ich achte auf das ständige Auf-und Anschwellen und momentane Anhalten des Atems, das für Buddhisten auf die Vergänglichkeit und Substanzlosigkeit des menschlichen Daseins und aller Dinge hinweist. Dieses ruhige gleichmäßige Atmen kann jedoch, scheint mir, auch anders empfunden werden: Dass der Atem nicht stockt, sondern immer wieder neu anschwillt, erscheint mir als ein Zeichen des immer neuen Lebens. Gerade das Atmen lässt mich so das Leben bejahen und auf diese Weise meinen Geist zur Ruhe kommen. Später habe ich diese Haltung als Lebensvertrauen oder »Grundvertrauen in die Wirklichkeit« analysiert. Welches Wunder, dass auch mein Herz seit meiner Geburt jetzt schon weit über acht Jahrzehnte Tag und Nacht schlägt, ohne auch nur eine Minute auszusetzen …“ (Erlebte Menschlichkeit, 399) 

29. Mai – 4. Juni 2022

Ganz selten in der religiösen Geschichte der Menschheit gibt es Momente, wo eine geistesmächtige Gestalt in den Strom einer Religion steigt und ihn in eine neue Richtung lenkt – durch Wort, Tat und Geschick. Zu diesen wenigen Gestalten gehört der Buddha, von dem der katholische Theologe Romano Guardini mit größtem Respekt schreibt: »Dieser Mann bildet ein großes Geheimnis. Er steht in einer erschreckenden, fast übermenschlichen Freiheit; zugleich hat er dabei eine Güte, mächtig wie ein Weltkraft. Vielleicht wird Buddha der letzte sein, mit dem das Christentum sich auseinanderzusetzen hat.« (Erlebte Menschlichkeit, 379f)

22. – 28. Mai 2022

Wenn ich mich auf Jesu Weg einlasse und im Alltag mein eigenes Kreuz nüchtern auf mich nehme, kann ich das Leid nie schlechthin besiegen und beseitigen. Aber ich kann es im Glauben durchstehen und bewältigen. Ich werde dann vom Leid nie einfach erdrückt und im Leid nicht verzweifelt untergehen. Wenn Jesus im äußersten Leid der Menschen- und Gottverlassenheit nicht unterging, dann wird auch der, der in vertrauendem Glauben sich an ihn hält, nicht untergehen. (Was ich glaube, 255)

15. – 21. Mai 2022

15. – 21. Mai 2022 Kein Kreuz der Welt kann jedenfalls das Sinnangebot widerlegen, das im Kreuz des zum Leben Erweck­ten aufgerichtet ist: ein Zeichen dafür, dass auch äußerste Bedro­hung, Sinnlosigkeit, Nich­tig­keit, Verlas­sen­heit, Einsamkeit und Leere von einem mit dem Menschen soli­da­rischen Gott umfangen sind. So ist dem Glau­ben­­den ein Weg zwar nicht am Leid vorbei, wohl aber durch das Leid hindurch eröffnet. (Was ich glaube, 254) 

8. – 14. Mai 2022

Jesus selber hat das Leiden nicht gesucht, es wurde ihm aufgezwungen. 
Ich glaube auch nicht, dass der Mensch gerade im Leiden Gott am nächsten ist. 
Das würde ja den Himmel zur Hölle machen. (Was ich glaube, 252)

1. – 7. Mai 2022

Offizielle Verkünder des Wortes haben zu einem nicht geringen Teil die Schuld, wenn die »Frommen« das Kreuz als Entwürdigung des Menschen missverstehen. Wie viel Schindluder hat man mit dem Kreuz getrieben! Wozu musste das Kreuz in den Kirchen nicht alles herhalten. 
(Christ sein, 564)

24. – 30. April 2022

Es war das Parlament der Weltreligionen, das in Chicago am 4. September 1993 eine „Erklärung zum Weltethos“ verabschiedet hat, die zum ersten Mal in der Geschichte der Religionen einen minimalen Grundkonsens eben bezüglich verbindlicher Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen formuliert hat. Ein ethischer Grundkonsens, der 
– von allen Religionen trotz ihrer „dogmatischen“ Differenzen bejaht werden
– und auch von Nicht-Glaubenden mitgetragen werden kann. 
(Das Christentum 896)

17. – 23. April 2022

Die grundsätzliche Frage ist: Warum soll der Mensch – als Individuum, Gruppe, Nation, Religion verstanden – sich nicht bestialisch, rein triebhaft, sondern menschlich, wahrhaft menschlich, also human benehmen? Und warum soll er dies unbedingt, das heißt: in jedem Fall tun? Und warum sollen dies alle tun, und soll keine Schicht, Clique oder Gruppierung, kein Staat und keine Partei ausgenommen sein? … das ist die Grundfrage einer jeden Ethik in einer Zeit, die von zunehmenden wissenschaftlich-wirtschaftlichen Globalisierungstendenzen geprägt ist. (Das Christentum 895)

Ostern 2022

“Auferweckung meint positiv: Jesus ist nicht ins Nichts hineingestorben, sondern ist im Tod und aus dem Tod in jene unfassbare und umfassende letzte und erste Wirklichkeit hineingestorben, von jeder wirklichsten Wirklichkeit aufgenommen worden, die wir mit dem Namen Gott bezeichnen. Tod ist Durchgang zu Gott, ist Einkehr in Gottes Verborgenheit, in jenen Bereich, der alle Vorstellungen übersteigt, den keines Menschen Auge je gesehen hat, unserem Zugreifen, Begreifen, Reflektieren und Phantasieren also entzogen! Wenn irgendwo das theologisch viel missbrauchte Wort Mysterium/Geheimnis angebracht ist, weil es hier direkt um Gottes ureigensten Bereich geht, dann in der Auferweckung zu neuem Leben.” (Credo 149f.)

10. – 16. April 2022

Steht das Ethos im großen welthistorischen Streit zwischen Macht und Moral nicht von vornherein auf verlorenem Posten, wie die Machiavellisten unter Politikern und Pressekommentatoren uns immer wieder glauben machen wollen? Ist, wer die Einhaltung bestimmter humaner „Werte“ auch in der Außenpolitik fordert, ein naiver „Prediger“ und der, der die Politik allein auf „Interessen“ aufbaut, ein kühler „Stratege“? … Merkwürdig, dass man solch angebliche realistische Postulate noch vorträgt, nachdem selbst die so zynisch mit „Realpolitik“ operierenden osteuropäischen kommunistischen Diktaturen schließlich vor moralischen Postulaten der eigenen Bevölkerung kapitulieren mussten! (Das Christentum 892f)

3. – 9. April 2022

Wer nicht geschichtsblind ist, dem wird aufgefallen sein, dass die modernen Staatgrenzen in Osteuropa (zum Teil auch in Afrika) zu verblassen scheinen vor jenen uralten Grenzen, die von Völkerschaften, Religionen und Konfessionen einmal gezogen wurden: zwischen Armenien und Aserbeidschan, zwischen Georgien und Russland, der Ukraine und Russland und eben auch zwischen den verschiedenen Völkerschaften in Jugoslawien … Die wichtigsten Konflikte der Zukunft [so Huntington] werden entlang der kulturellen Schuldlinien (cultural fault lines), die diese Zivilisationen voneinander trennen, ausbrechen. (Das Christentum 888f)

27. März – 2. April 2022

Die Sonderrolle der Ukraine: Nach der Übersiedlung der Metropoliten nach Moskau [1326] hatten die Orthodoxen außerhalb des Moskauer Reichs die Bildung einer selbständigen Hierarchie durchgesetzt. Aus der Not, ihre Gleichstellung beim katholischen Herrscher und im Reichsparlament (Sejm) ständig erkämpfen zu müssen, entwickelten hier die orthodoxen Laien ein nicht geringes Selbstbewusstsein … Unter ihnen herrschte kein starrer Traditionalismus und keine Fremdenangst Moskauer Prägung. Wie selbstverständlich besuchten sie katholische und evangelische Universitäten, setzten sich mit westlichen Ideen auseinander und übernahmen vieles, was sich mit ihrem orthodoxen Glauben vereinbaren ließ. (Das Christentum 321)

20. – 26. März 2022

Vor Gott bin ich, wie ich nun einmal bin – ob ein bisschen mehr oder weniger schön, intelligent, gesund, effizient -, bin ich wertvoll, wichtig, angenommen. Und dies selbst dann, wenn ich durch keine Arbeit mehr Bestätigung finde, wenn ich durch keine Leistung mehr vor den Menschen glänzen kann. Alt oder krank geworden bleibe ich angenommen, ja geliebt, auch wenn ich durch Leistungen nichts mehr zu bringen vermag. (Vertrauen, das trägt, 21f)

13. – 19. März 2022

Worauf kommt es letztlich an? 

Dass der Mensch die Grenzen des Leistungsdenkens erkennt, Leistungszwang durchbricht. Dass er sein Leben auf eine neue Grundlage stellt … dass er sich bei allem Leben und Arbeiten in erster und letzter Instanz doch auf etwas verlässt, was ihn durch alle Erfolge und Misserfolge des Lebens, durch Gutes und Böses hindurchzutragen vermag. Kurz gesagt: dass er inmitten aller vorletzten Wirklichkeiten sein Vertrauen unerschütterlich auf jene erste und letzte Wirklichkeit setzt, die wir mit dem viel missbrauchten Namen Gott bezeichnen.  (Rechtfertigung, Serie Piper, XXI.)

6. – 12. März 2022

Durch alle Arbeit und alle Leistungen kann der Mensch auch den Fluch des Leistungsgesetzes erfahren, gewinnt er noch keineswegs die so sehr gewünschte innere Freiheit, sondern oft neue Unfreiheit und Versklavung …

Natürlich sollen wir auf Leistung nicht von vornherein verzichten, Leistung gar verteufeln. Aber wir wissen,

  • dass der Mensch nicht in seinem Beruf und seiner Arbeit aufgehen darf,
  • dass er als Person mehr ist als die Rolle, die er zu spielen hat,
  • dass die Leistungen zwar wichtig, aber nicht entscheidend sind. (Herzstücke, 26f)

27. Februar – 5. März 2022

In der modernen Leistungswelt muss der Mensch sich in seiner Existenz ständig selbst rechtfertigen: nicht nur wie früher vor dem Richterstuhl Gottes, sondern vor dem oft wenig gnädigen Forum seiner näheren Umwelt, vor der Gesellschaft, ja auch vor sich selbst. Und rechtfertigen kann der Mensch sich in dieser Leistungsgesellschaft nur durch Leistung: Nur durch Leistung ist er etwas, gewinnt er das Ansehen, das er braucht. (in: Gellner/Langenhorst, Herzstücke, 26)

20. – 26. Februar 2022

Eine wahrhaftige Kirche gibt dem Menschen keine billigen Rezepte für sein privates Leben und noch weniger für die Weltpolitik in ihren verschiedenen Formen, aber sie gibt dem Menschen Boden unter die Füße, indem sie ihn wissen lässt um sein Woher und Wohin, sein Warum und Wozu. …  (Hans Küng, Sämtliche Werke, Band 5/168)

13. – 19. Februar 2022

Nur der innerlich wahrhaftige Mensch ist für die Erfassung der Wahrheit, die ihn fordert, disponiert. Die volle Wahrheit verschließt sich dem, der sich selbst gegenüber in Unwahrhaftigkeit lebt. 

In diesem Sinne ist die Wahrhaftigkeit für den modernen Menschen vielfach grundlegender als die Wahrheit … 

Wahrhaftigkeit ist so für die Menschen in einer pluralistischen Gesellschaft praktisch die Basis aller Toleranz …, die Basis allen Zusammenlebens und Zusammenwirkens. (Hans Küng, Sämtliche Werke, Band 5/76)

6. – 12. Februar 2022

Wahrhaftigkeit meint zunächst jene Grundhaltung, in der ein Einzelner oder eine Gemeinschaft trotz Schwierigkeiten für sich selbst wahr, durchsichtig bleibt, mit sich selbst übereinstimmt: die volle Redlichkeit gegenüber sich selbst und damit dann auch gegenüber den Mitmenschen und gegenüber Gott, die volle Redlichkeit im Denken, Reden und Handeln. (Hans Küng, Sämtliche Werke, Band 5/59)

30. Januar – 5. Februar 2022

Eines Tages zirkulierte in der Konzilsaula des Vatikanum II ein kleiner Zettel mit nur einem Satz ohne Quellenangabe, aber er zauberte auf das Gesicht eines jeden Bischof ein verschmitzt-verstehendes Lächeln [in deutsch:] „Der Senat irrt nicht, und wenn er irrt, korrigiert er es nicht, damit nicht der Eindruck entsteht, er habe geirrt.“… 

Im Konzil fiel mir dann erst recht auf, wie oft in den Diskussionen „die Wahrheit“ in unwahrhaftiger Weise vertreten wurde. Und so schienen mir denn Grundhaltungen wie Freiheit und Wahrhaftigkeit in der Kirche selbst wichtiger zu sein als alle möglichen konkreten Anweisungen an die Menschen „in der heutigen Welt“ …
(Hans Küng, Sämtliche Werke, Band 22/182f)

23. – 29. Januar 2022

Ob man es mir nachfühlen kann, dass diese seltsame Erfahrung mich mit unbändiger Freude erfüllte? Das ist gelebte, realisierte Freiheit:
Ja sagen, Grundvertrauen wagen, Lebensvertrauen riskieren.
So kann ich weitermachen und einen aufrechten Gang bewahren. (aus: Erkämpfte Freiheit, 133)

16. – 22. Januar 2022

Verunsichert suchte ich in Rom das Gespräch mit meinem geistlichen Berater. Dessen Antwort: »Man muss eben glauben! «Glauben? Immer nur glauben? Doch plötzlich – mitten in diesem Gespräch durchzuckt mich eine Erkenntnis. Ich spreche ungern von einer »Erleuchtung«. Es war eine spirituelle Erfahrung:
Wage ein Ja! 
Statt eines Grundmisstrauens ein Grundvertrauen:
zu dir selbst, zu den anderen Menschen, zur Welt, zum Leben, zur fraglichen Wirklichkeit überhaupt! Und Sinn scheint auf, macht hell, wird Licht … (aus: Erkämpfte Freiheit, 132 f.)

9. – 15. Januar 2022

Nachdem ich schon mehrere Semester eifrig in Rom studiert hatte, traf ich während meines Berliner Feriendiakonates einen jungen Künstler, der mich in ein langes Gespräch über den Sinn des Lebens verwickelte. Dabei machte ich eine schmerzliche Erfahrung: Ich erwies mich unfähig, meinem Gesprächspartner eine überzeugende Antwort zu geben. (aus: Erkämpfte Freiheit, 129)

1. – 8. Januar 2022

Wir Menschen, und wir Menschen allein, sind sinnsuchende Wesen. Einen tieferen Lebenssinn gewinnen wir aber nur dadurch, dass wir unser Leben auf eine Tiefendimension hin öffnen. Dadurch, dass wir bei allem Leben und Erleben, bei allem Arbeiten und Verarbeiten in erster und letzter Instanz uns doch auf etwas verlassen, dessen Quelle nicht wir selber sind. (aus: Vertrauen, das trägt, S. 21)


Sammlung

Texte

Predigt Prof. Hermann Häring

Predigt am 2. Adventssonntag 2021 in der ev. Kirche am Markt Blankenese
Ihr müßt wieder der Leuchtturm sein

Vortrag Prof. Hermann Häring

Jenes ganz und gar vernünftige Vertrauen, das sich Glauben nennt
Grundentscheidungen im Lebenswerk von Hans Küng
Vortrag in der GemeindeAkademie Blankenese am 4. Dezember 2021

Nachrufe

Jesuitenkirche Luzern

Gedenkfeier für Hans Küng am 3. September 2021

Michael von Brück

9.4.2021: “Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden”
Hans Küng war zugleich ein anregender und unbequemer Zeitgenosse. Beides nicht nur in der Wirkung auf die Institution der katholischen Kirche, an der er sich ein Leben lang rieb, weil er sie erneuern wollte, sondern auch im Kontakt mit Mitarbeitern und Kollegen. Er wollte verändern, und das mit Ungeduld, Schlagkraft und Autorität. Gelegentlich konnte er autoritär sein, um dann wieder im Kreis der Freunde oder Mitarbeiter mit patriarchaler Sanftmut und freigiebiger Freude aufzuwarten. Wenn er scharfspitzig formulierte und seine Mitarbeiter zu klarem Denken und kantigen Sätzen anhielt, pflegte er zu sagen: Hier werden alle Satzzeichen benutzt! Besonders das Ausrufezeichen. Nicht selten aber auch, und das mit gut begründeter Demut, das Fragezeichen… (weiterlesen)

Prof. Hermann Häring

Der Tod eines Menschen ändert den Blick auf ihn. Es ist, als ob ein See erstarrt, keine Wellen mehr aufwirft, nie mehr über die Ufer tritt, keine Überraschungen mehr bietet. Jetzt kann man endgültig sagen, wer dieser Mensch war und was er für die Nachwelt bedeutet. Trotz schwerer Krankheit ist Hans Küng in den vergangenen Jahren nur langsam verstummt. Noch kein Jahr ist es her, dass der letzte Band seiner Sämtlichen Werke unter dem Titel Begegnungen erschien. Nichts anderes könnte dieses überreiche, spannungsvolle und mit Konflikten überladene Leben besser charakterisieren. (weiterlesen)

Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel

Es erfüllt mich mit Trauer, von einem Menschen endgültig Abschied  nehmen zu müssen, mit dem ich gut 50 Jahre einen gemeinsamen Weg gegangen bin. Hans Küng war mein Lehrer von dem Jahr an, als ich 1970 zum Studium nach Tübingen wechselte, nicht zuletzt seinetwegen, der damals schon einen exzellenten Ruf als katholischer Reformtheologe besitzt. Dialog mit der protestantischen und säkularen Welt war damals das vom Konzil ausgelöste Zauberwort, und Hans Küng zeigt uns, wie das geht und welche Konsequenzen das für ein katholisches Kirchenverständnis hat, das immer noch mittelalterlich und antiprotestantisch geprägt ist.  (weiterlesen)

Walter Lange

Im Kongresszentrum Brüssel hielt Professor Küng seinen Vortrag “Was ist die christliche Botschaft?” Sein Vortrag endete mit den Sätzen, die Küng bis zu seinem Lebensende begleitet haben:
In der Nachfolge Jesu Christi kann der Mensch in der Welt von heute wahrhaft menschlich leben, handeln, leiden und sterben: in Glück und Unglück, Leben und Tod | gehalten von Gott und hilfreich den Menschen.
Diese Begegnung war für mich ein zus tzlicher Impuls, seine Bücher intensiv zu studieren. Bald machte ich die Erfahrung, dass er eine Sprache spricht, die ich nicht nur verstand, sondern die für mich hilfreich war. (weiterlesen)


BILDER

Wenn Sie uns Bilder von Hans Küng zur Verfügung stellen, würden wir sie hier auch gern veröffentlichen.


Prof. Dr. Herbert Haag (verst. 2001) und Hans Küng

Auf der Internetseite der Stiftung: Herbert Haag bezeichnete den bedeutenden Theologen Hans Küng als seinen besten Freund. Das gemeinsame Streben nach theologischer Wahrheit und Erneuerung verband sie. Beide wurden 1960 an die Universität Tübingen berufen, wo sie zwanzig Jahre zusammen wirkten. Weitere zwei Jahrzehnte engagierten sie sich gemeinsam in der Herbert Haag Stiftung für die Freiheit in der Kirche.

Foto: Herbert Haag Stiftung

Foto: Herbert Haag Stiftung
2012: > Die Österreichische Pfarrerinitiative hat den Herbert-Haag-Preis für Freiheit in der Kirche erhalten. Deren Obmann, der Probstdorfer (Bezirk Gänserndorf) Pfarrer Helmut Schüller, nahm den Preis in der Schweiz entgegen. Die Herbert Haag-Stiftung verlieh den mit 10.000 Euro dotierten Preis für Freiheit in der Kirche. Der Niederösterreicher erhält diese Auszeichnung „für sein mutiges Einstehen für die Pfarrer-Initiative mit der Aufforderung zum Ungehorsam angesichts der Untätigkeit der Bischöfe und der römischen Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform“, sagte Stiftungsvorsitzender Hans Küng in seiner Rede. Bei der Preisverleihung in Luzern in der Schweiz ging Küng mit der katholischen Kirche schwer ins Gericht: „Sie haben deutlich gemacht, dass offen eingestandener und durchgehaltener Ungehorsam gegenüber blinden und verblendeten Vorgesetzten eine höhere Form des Gehorsams sein kann als der servile oder geheuchelte Pseudogehorsam.“ <Nachricht im ORF

Im Eingangsbereich des ev. Gemeindehauses Blankenese (Foto: Febr. 2022)

In seinem Geburtsort Sursee in der Schweiz steht diese Büste von Hans Küng, geschaffen von seinem ehemaligen Schulkollegen, dem Luzerner Bildhauer Rolf Brem.
Vortrag in Tübingen. Foto: Irene Dias-Küng
Die erste Messe von Hans Küng in St. Peter.
von links:  P. Günthör, Hans Küng, sein “geistlicher Vater” Franz Xaver Kaufmann, und Otto Wüest
Foto: Irene Dias-Küng
Bild: Kurt Stumpf