| Mutter der BSC-Jugendabteilung | Heimmutter in Südwest-Afrika |
| Grete Tetzen, geb. Dreyer,1905 bis 1997, Brandts Weg 2 | Ilse Dreyer, 1907 bis 2003, Brandts Weg 7 |
Text von Maike und Ronald Holst –
in ihrem Buch „Blankeneser Frauen“ – erschienen 2013
Ilse war die jüngere Tochter von Kapitän Theodor Dreyer, die mit ihrer Schwester Grete im elterlichen Haus Brands Weg 2 aufwuchs. Ilse verlebte eine ganz normale Jugend in den Blankeneser Treppen und an der Elbe, ging in die Kahlkampschule und schnackte gerne platt.
Der Unterschied zu ihrer älteren Schwester hätte nicht größer sein können. Während Ilse eher zurückhaltend war, gern las und sich schon früh für Kunst und Kultur interessierte, war Grete, die Ältere, energisch, tatkräftig, lebenstüchtig, voller Elan. Ihre Leidenschaft war der Wassersport.

Die resolute Grete
1919 hatte Heinrich Albrecht sein Buch „Die Segler der Niederelbe“ veröffentlicht, mit dem er den Nerv der Zeit traf, als er brandmarkte, dass Damen nicht anerkannte Mitglieder eines Segelvereins werden konnten. „Nun ist eine neue Zeit aufgezogen. ( … ) Wir werden auch beim Segelsport großzügig sein müssen und dort Schranken fallen lassen, durch die unsere Damen als freie Kameraden zu uns treten können.“
Der BSC nahm sich diese Worte zu Herzen und öffnete sich als einer der ersten Segelvereine für weibliche Mitglieder. Doch das genügte der 14jährigen Grete Dreyer nicht. Sie wollte im Verein mit anderen Mädchen und Frauen rudern. Im gleichen Jahr (1919) überredete Grete ihren Onkel Johannes Dreyer, der im Vorstand des BSC war, zur Gründung einer Mädchen-Ruderabteilung. Was der BSC wagte, war eine kleine Sensation. Denn Mädchen an der Ruderpinne waren eigentlich unvorstellbar.

Den jungen Damen – mit ihrer energischen Anführerin Grete – gelang es, den BSC zum Erwerb eines zwölfriemigen, geklinkerten Ruderboots zu überzeugen, in dem die Mädchen sowohl ruxen (rudern), wie auch den allgemeinen Umgang mit einem Boot lernen konnten. In schicker weißer Matrosenuniform ruderten die jungen Damen – den Jungen gleich – auf der Elbe und ihren Nebenflüssen und nahmen endlich auf Augenhöhe an allen Clubveranstaltungen teil. Zahlreiche BSC-Feste bereicherten die Mädchen durch Aufführungen und Scharaden – natürlich unter Gretes Federführung.
Ilse und die Schicksalschläge
Auch die kleine Ilse war ruderbegeistert, genau wie ihre große Schwester. Beide genossen die neue Kameradschaft, die Wanderfahrten im offenen Boot, Übernachtungen im Heulager, Wind und Wellenschlag. Dass ihr Grete immer ein paar Entwicklungsschritte voraus war, störte Ilse nicht. Schließlich war sie ja die Ältere. Gretes Vereinsarbeit war es zu verdanken, dass zeitweise mehr Mädchen als Jungen in die BSC-Jugendabteilung eintraten. 1928 war die Jugendabteilung schließlich so populär geworden, dass der BSC einen Aufnahmestopp verfügen musste, weil es an Booten und Ausbildern mangelte.

Nach der Mittleren Reife besuchte Ilse die Städtische Mädchen-Fachschule in Altona, um sich als diplomierte Hauswirtschaftsleiterin verdingen zu können. Eine dieser Arbeitsstellen lag in der Lüneburger Heide. Dort erreichte sie eine schreckliche Nachricht:
„Das war am 22. Januar 1930. Als der Anruf der Hamburg-Süd kam, wusste ich sofort, dass etwas passiert war!“, erzählte sie stockend „Mein Vater war mein bester Freund. Er brachte immer Leben ins Haus! Es war ein furchtbarer Schlag für unsere Familie.“
Geschehen war folgendes: Der prächtige, von Kapitän Theodor Dreyer gesteuerte Musikdampfer „Monte Cervantes“ war mit 1117 Passagieren und 330 Mann Besatzung im Beaglekanal bei Feuerland auf ein Riff gelaufen. Ein langer Riss hatte den Schiffsboden aufgeschlitzt. Schnell drang Wasser ein. Rettungsboote wurden zu Wasser gelassen und brachten die illustren Schiffbrüchigen zu einer nahe gelegenen Gefängnisinsel. Sämtliche Passagiere und Besatzungsmitglieder konnten so gerettet werden. Als Kapitän Dreyer – der Vater von Grete und Ilse – noch einmal an Bord ging, um wichtige Papiere zu retten, kippte das Schiff, sank und riss ihn in die Tiefe.
Obwohl Ilse außer ihrem Vater beide Großväter und zwei Onkel durch den Blanken Hans verloren hatte, liebte sie die See. „Man muss es hinnehmen!“, war ihre Devise, denn sie gehörte zu den Menschen, die solche Schläge ertragen konnten, weil sie das Leben nicht nur als Geschenk, sondern auch als Aufgabe betrachtete.



Doch dann passierte ein neuer Schicksalsschlag, der das Selbstbewusstsein der jungen Frau tief verletzte: Bisher hatte sie bei Herren wenig Interesse geweckt, doch dann war ein besonders charmanter und gut aussehender Mann in ihr Leben getreten, der intensiv um sie warb. Ihre Mutter fand den Verehrer standesgemäß, war sogar mit einer dauerhaften Verbindung einverstanden, während Schwester Grete ihr dringend von dem Kerl abriet. „Das ist doch ein Heiratsschwindler!“ Leider bestätigte sich diese Vermutung.
Auf nach Afrika
Nach dieser herben Enttäuschung wollte Ilse weg aus Deutschland, in dem obendrein die von ihr gehassten Nazis das Sagen hatten. Das war im Mai 1936. Hinzu kam ihr allgemeines Benehmen, das es ratsam erscheinen ließ, Deutschland besser den Rücken zu kehren: Als Hauswirtschaftsleiterin eines Dresdner Sanatoriums fiel sie immer wieder negativ auf, wenn sie Patienten mit „Guten Tag“ und nicht mit Deutschem Gruß und gebelltem „Heil Hitler“ grüßte. Das wurde ihr sehr übel genommen.

Mit dem 1923 bei Blohm & Voss gebauten Passagierdampfer „TS Njassa“ der Deutschen Ostafrika Linie dampfte Ilse von Rotterdam nach Kapstadt, erlebte auf der Fahrt die „große weite Welt“, lernte viele europäische Häfen kennen, passierte die gerade erst in Dienst gestellte „Queen Mary“, bewunderte ein britisches „Flugzeugmutterschiff“ (gemeint war ein Flugzeugträger), erlebte einen (deutschen) Zeppelin über den Kanarischen Inseln, speiste und tanzte mit dem Kapitän und illustren Gästen. In dem Brief an ihre Verwandten daheim schildert sie den Zauber der Reise, der besuchten fremden Länder und Inseln, ihre erfüllenden Begegnungen mit interessanten Mitreisenden und Einheimischen, wo immer das Schiff festmachte. Schließlich endet ihr langes Schreiben mit den Worten „Alles Liebe und Gute von Eurer glücklichen Ilse!“
Zunächst arbeitete sie als Kindermädchen in einer deutschen Familie in Südafrika, um von dort aus ins ehemalige Deutsch-Südwest zu wechseln, wo sie im Januar 1940 in Grootfontein die Leitung des Schülerheims für Kinder deutscher Farmer übernahm. Der Ort war 1885 von Buren gegründet worden und bot mit seiner Lage in 1.460 m Höhe ein günstiges Klima. In dem Internat betreute Ilse 28 Kinder der ersten acht Schuljahre. Zur Unterstützung hatte sie nur zwei einheimische Männer, die ihr beim Putzen halfen und sie mit „Froleina Dreia“ ansprachen, sowie zwei Frauen, die einmal wöchentlich für die Wäsche kamen.
Heimleiterin in Südwest
Ilse hat sich sehr bemüht, den Kindern das Zuhause zu ersetzen, sie zu erziehen und ihnen deutsche Kultur nahe zu bringen. Dabei begann ihr Arbeitstag in aller Frühe mit Frühstück und dem Vorbereiten der Pausenbrote für 28 Kinder. Einkaufen, Kochen, Organisieren, die Mitarbeiter anleiten und beaufsichtigen… Und wenn die Kinder aus der Schule kamen, musste das Mittagessen fertig sein. Eine Stunde Ruhe, dann wurden unter Ilses Aufsicht und Kontrolle gemeinsam die Hausaufgaben gemacht. Sie prüfte jede schriftliche Arbeit und ließ sich den erlernten Stoff wiederholen. Die Tochter einer ehemaligen Schülerin erzählte, dass die Klassenbesten eigentlich immer aus Ilses Heim kamen.
Waren die Schulaufgaben erledigt, ging es im Sommer ins städtische Freibad, wo Ilse allen nach und nach das Schwimmen beibrachte, im Winter folgte ein Spaziergang. Nach dem Abendessen las Ilse vor, während die Mädchen Strümpfe stopften, die Jungen andere Arbeiten verrichteten.
Es gab keine Ablösung, keine Vertretung! Ilse war auch nachts, auch bei Krankheiten, auch am Wochenende allein für alles zuständig. Für 28 Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren. Die Kleinen litten bestimmt unter Heimweh. Wer tröstete sie? Schlichtete Streitigkeiten? Strafte bei Ungehorsam oder Unfug? Alles musste Ilse allein leisten. „Sie war äußerst diszipliniert, wurde niemals krank und hat beispielhaft gezeigt, dass man Aufgaben und Pflichten sehr genau zu nehmen hat.“ So eine ehemalige Schülerin.
Nur in den Schulferien konnte Ilse sich erholen. Meistens wurde sie von den Eltern ihrer Heimkinder auf deren Farmen eingeladen. Dort lernte Ilse Reiten, und die Ausritte gehörten zu den allerschönsten Erinnerungen an ihre Zeit in Südwestafrika.
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Trotz der langen Auslandsjahre und des schrecklichen Welt-Kriegs (sie wurde in dieser Zeit nicht interniert) vergaß Ilse weder die Heimat noch ihre Menschen. Sie schickte in der schlechten Zeit nach dem 2. Weltkrieg immer wieder Pakete mit Nährmitteln an die Lieben in Blankenese und belebte damit die kriegsbedingt unterbrochene Verbindung.
23 Jahre führte sie das Wohnheim in Grootfontein. Doch dann zwangen sie Vernunftgründe zur Rückkehr, weil sie für den deutschen Rentenanspruch eine Mindestzahl an Beschäftigungsjahren erfüllen musste. 1959 kehrte sie zurück in den Brandts Weg – zunächst zu Schwester Grete und Schwager Theo in den Brandts Weg 2, um nach kluger Erbteilung ins Häuschen Brandts Weg 7 zu ziehen, das ihr von da an allein gehörte.
Grete macht ihr Schifferpatent
Weil die kaufmännische Angestellte Grete so gern Seemann geworden wäre, machte sie im Winter 1924/25 auf der Seefahrtsschule den Lehrgang zum „Schiffer auf kleiner Fahrt“, worauf nicht nur ihr Vater sehr stolz war. Denn dieses Patent zu erlangen war damals höchst ungewöhnlich für eine Frau. 1932 heiratete sie ihren Segelkameraden Theo Tetzen. 1939 wurde Sohn Dieter geboren, der später – wie seine Eltern – ein erfolgreicher Regattasegler und ebenfalls 1. Vorsitzender des BSC wurde.
Vater Theo Tetzen war schon als 17-jähriger(1921) in den BSC eingetreten. Das segelbegeisterte Paar segelte eine von Theo selbst gebaute H-Jolle „Moi Bris“ und nahm erfolgreich an unzähligen Regatten teil. Neben seiner beruflichen Tätigkeit war Theo engagierter BSCer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er als nationalsozialistisch Unbelasteter zum 1. Vorsitzenden befördert. Er „führte sein Vereinsamt mit Freude und Optimismus“ bis 1962. Grete unterstützte ihn dabei, wo sie nur konnte. Besonders am Herzen lag ihr weiterhin die Jugendabteilung, die sie nach dem Krieg abermals aufbaute. Jahrelang richtete sie auch deren Weihnachtsfeiern aus. Und selbst der Adventskaffee für ältere Mitglieder war ihre Idee. Der harte Kern ihrer ersten Rudermannschaft mit den inzwischen betagten Kameradinnen bestand bis Mitte der 90er Jahre – dank Grete. Denn sie animierte ihre Freundinnen immer wieder zu Ausflügen, z.B. zu Fahrten mit der „Jan Molsen“ nach Cuxhaven. Als das Alter dann endgültig seinen Tribut forderte, hat sich Grete Tetzen mit privaten Schiffsreisen getröstet. Denn ein Leben ganz ohne von Wind und Wellen umgeben zu sein, konnte sie sich nicht vorstellen – ebenso wie ihre Schwester Ilse. Darin waren sich die sonst ungleichen Schwestern ähnlich.


Ilse pflegt alte Kontakte
Auch Ilse unternahm immer wieder große Seereisen – vorzugsweise nach Südwestafrika. Aber auch umgekehrt erhielt sie von ehemaligen Heimkindern und Schülern, sogar von deren Anverwandten Besuch. Noch häufiger bekam sie Post aus dem Land der Hereros, Hottentotten und Deutschsüdwester. Sie war eben eine Persönlichkeit, an die man sich sehr gern erinnerte.
Wie reaktionsschnell sie selbst im Alter noch sein konnte, bewies folgendes Ereignis: Ins Haus Brandts Weg 7 stieg am helllichten Tag ein Einbrecher. Die schon betagte Ilse überraschte den Kerl, der gerade Schubladen und Schränke durchwühlte. Schließlich bemerkte er sie inmitten seiner Suche. Daraufhin meinte sie, die Situation deeskalierend: „Jetzt brauch ich erst mal ein Glas Wasser, damit ich meine Herztablette nehmen kann!“ rank schwer atmend nach Luft und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Verblüffender Weise kam der Dieb ihrem Wunsch nach, verlangte im Gegenzug aber das Versteck ihres Silberbestecks zu erfahren. Damit zog er dann befriedigt ab.
So lang es ging genoss Ilse ihr Konzert-Abo am Sonntagmorgen in der Musikhalle. Bis zum Schluss interessierte sie sich für Wirtschaft und Politik. Und an ihrem letzten Geburtstag verblüffte sie ihre Besucher, indem sie Balladen rezitierte.
Ihre letzte Ruhe haben Grete und Ilse Dreyer auf dem Nienstedtener Friedhof gefunden. Hier liegen sie zusammen mit ihren Familienangehörigen. Eine der Grabstein-Inschriften erinnert auch an ihren Vater Kapitän Theodor Dreyer, der sein nasses Grab bei der „Monte Cervantes“ vor Feuerland gefunden hat.
Quellenangabe:
Interview mit Dieter Tetzen, Neffe von Ilse Dreyer
Interview mit der Cousine Oestmann
„100 Jahre Blankeneser Segelclub“, Svante Domitzlaff, Delius&Klasing, 1998
„Blankenese ABC“, Hamburger Kloenschnack, 2001
BSC-Vereinshefte 3/85, 3/89, 2/94, 1/98


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