Gedanken für Freitag, den 16.10.2026)
Es ist Jahre her. Jahre, in denen es winters beißende Fröste und manchmal auch eine mit Eisschollen bedeckte Elbe gab. Das war die Zeit, in ein Leuchtturm noch beim Kiosk „SB 12“ stand.
Es muss gegen 4 Uhr morgens gewesen sein, als ein Spätheimkehrer nach nächtlichem Gelage über den Strandweg heimtorkelte. Doch als er den Bulln passierte, kam er auf die Idee, eine Ruhepause einzulegen bevor es in die Koje ging. Doch auf dem Anleger wankte der Boden erst recht. Überall musste er Halt suchen und immer wieder Augenblicke verweilen, ehe er weiterschaukeln konnte. „Volle Kraft voraus!“ hickste er und wäre beinahe hingeschlagen. Trotz seines Zustandes wagte er sich bis an die Außenkante des Anlegers, um das knirschende Eis, die strudelnden Schollen zu beobachten. Wie oft hatte er das als Junge gemacht, war von Scholle zu Scholle gesprungen, immer einen Bootshaken in der Hand, mit dem er die nächste Scholle heranzog, die ihn weitertragen sollte. Doch in dieser Nacht machten ihn die tanzenden Schollen noch schwindeliger. Deshalb setzte er sich auf einen der gelben Poller und versuchte eine Zigarette anzuzünden.
Zur selben Stunde war ein betagter Herr im fernen Elmshorn zum soundsovielten Mal aufgestanden, weil er selbst zu dieser späten Stunde nicht schlafen konnte. Alles hatte er versucht, um „Mr. Sandman“ endlich an seine Pflichten zu erinnern. Pillen hatte er geschluckt, einen Absacker getrunken, Fernsehen geguckt. Dann endlich war er auf die Idee gekommen, die webcam des Blankeneser Anlegers in seinem Tablet zu suchen, denn manchmal konnte man dort unterhaltsame Szenen beobachten. Doch heute war nur ein Trunkenbold auszumachen, der schwankend und haltsuchend die Brücke zum Anleger hinabstolperte, um sich auf einen der gelben Poller zu setzen, an denen Schiffe ihre Halteleinen festmachen. „Wenn das nur gutgeht!“, war sein Gedanke und warf einen schnellen Blick auf das Außenthermometer: „Minus 7°. Der Betrunkene sollte sich bei solchen Temperaturen lieber auf eine hölzerne Bank statt auf den eiskalten Poller an dieser exponierten Stelle setzen.“
Der Herr verschwand für kurze Zeit aufs Stille Örtchen. Als er zurückkam, war der Trunkene nicht mehr da. Doch was war das? Zwischen dem treibenden Eis war ein winkender Arm zu erkennen, gerade noch am äußersten Rand des Lichtkegels der Pontonbeleuchtung. Geistesgegenwärtig griff der Elmshorner zum Telefon und wählte die 112 der Feuerwehr.

Aus der Zeitung erfuhr er ein paar Tage später, dass die Rettungskräfte in seinem Heimatort ihre Kameraden in Blankenese so schnell es ging informiert hatten, die danach mit dem richtigen Konzept ausrückten. Denn da es ebbte, würde die in Not befindliche Person wahrscheinlich am Unterfeuer vorbeitreiben. Deshalb stoppten sie dort ihr Fahrzeug, Blaulicht verstreuend. Mit Handscheinwerfern und Rettungsgerät stürmten die Männer zum Fuß des Leuchtfeuers und entdeckten den Treibenden im Lichtkegel ihres Scheinwerfers. Schließlich konnten sie ihm einen an einer Leine befestigten Rettungsring zuwerfen. Trotz lähmender Kälte krallte sich der Ertrinkende daran. So zog man ihn ans Ufer. Über die Steinpackung wurde der Steifgefrorene hochgetragen und auf eine Bahre gelegt. Ein Unfallwagen brachte ihn ins Krankenhaus, wo er nach zwei, drei Tagen ohne weitere Befunde entlassen werden konnte.
„Sie hat ein Schutzengel behütet!“ meinten alle, die von seiner Rettung erfuhren, besonders aber das Team des Rettungswagens.
Ronald Holst


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