Björn Höcke und behinderte Jugendliche – eine Reaktion

Die Bugenhagenschule in Blankenese hatte einen Erkundungstag: Viele Schüler und Schülerinnen waren im Ort unterwegs. Jede Gruppe sollte auch einmal das Fischerhaus, die Altentagesstätte, mitten im Treppenviertel ansteuern. Eine Gruppe kam sehr spät. Grund: Sie hatten sich verlaufen. Sie waren erst unten an der Elbe, dann mussten sie wieder den Berg hinauf. Geschafft – und zwar genial! Denn sie hatten in der Gruppe einen Jungen im Rollstuhl dabei – und in den Treppen – mit dem Rollstuhl – ist die Fortbewegung nicht so einfach… Sie wurden von der Leiterin des Hauses gelobt, dass sie sich so eine Mühe gemacht haben. Die Reaktion: Das war keine Mühe. Klar haben wir den Freund im Rollstuhl mitgebracht. Er gehört ja zu unserer Gruppe! So spricht Verantwortung, so hört sich soziale Kompetenz an!

Teilhabe – nicht theoretisch erörtert. Gelebt. In der Bugenhagenschule sind in jeder Klasse vier Jugendliche mit Handycaps. Und die gehören dazu. Selbstverständlich. Sie waren von Anfang an dabei, die Jugendlichen kennen sich. Aus einer anderen Schule wurde von einem Gespräch erzählt. Ein Mädchen sagt traurig: Ich kann alles das nicht, was ihr könnt. Reaktion – und überhaupt nicht billig: Aber Du kannst so unheimlich gut zuhören. 

Gehören behinderte Kinder mit Nichtbehinderten in der Schule zusammen? Gerade wieder mal ein aktuelles Thema. 

Björn Höcke polarisiert

Björn Höcke hat das in seiner „speziellen“ Art beantwortet: Das Bildungssystem, das von solchen „Ideologieprojekten“ befreit werden müsse. So im August-Sommerinterview im MDR. Projekt Teilhabe, Projekt Inklusion. „Alles das sind Projekte, die unsere Schüler nicht weiterbringen, die unsere Kinder nicht leistungsfähiger machen und die nicht dazu führen, dass wir aus unseren Kindern und Jugendlichen die Fachkräfte der Zukunft machen.“ So zitiert am 11.8.2023 in der Berliner Morgenpost. Höcke hat dann über Telegram am 11.8. ausführlich erklärt – s.u. Er versucht darin, seine Wertschätzung für die behinderten Menschen zu erklären.

Vielleicht hätte er von Anfang an so ausführlich reden sollen, dann wäre eine Diskussion daraus geworden. Man könnte ihm unterstellen, dass er es radikaler wollte.

Geforderte Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention

Aber zur Diskussion: 

2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Heißt: Alle Menschen haben das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe. Und: Kinder haben das Recht auf eine inklusive Schulbildung.

Viele Kinder mit schweren körperlichen Erkrankungen und geistigen Behinderungen werden auch heute in Förderschulen (früher „Sonderschulen“) eingeschult. Z.B. die Raphaelschule in Nienstedten, eine Schule, in der Lehrkräfte eine beeindruckende Arbeit leisten. Kleine Klassen, individuelle Förderung und bis hin zur pflegerischen Versorgung. Eine ungemein wichtige Schule im Hamburger Westen und für so viele Kinder unverzichtbar. 

Unsere „anderen“ Schulen wären jetzt gar nicht in der Lage, solche Schüler aufzunehmen. 

Aber: Aber eigentlich – so ist das doch zu verstehen – sollten sie es alle können. Deutschland, auch eine Erhebung, liegt im europäischen Vergleich in Sachen Inklusion nur im Mittelfeld. (Inklusionsanteil: ca. 40 Prozent). Auch die Rechtslage in den Bundesländern ist unübersichtlich. Jedes Land hat sein eigenes Schulgesetz. Es fehlen einheitliche Regelungen und Hinweise, wie denn die Schulen ausgestattet sein sollen und wie ein gemeinsames Lernen möglich werden kann. 

Würde aber die UN-Konvention ernst genommen, dann gäbe es z.B. genügend geschulte Lehrkräfte, es gäbe kleine Klassen, gut ausgestattet, barrierefrei. So könnte Teilhabe, ein Miteinander auch für alle möglich werden. Die Schüler, sonst nur „allein“ auf den „anderen“ Schulen, würden die behinderten Schüler verstehen lernen, deren Bedürfnissen kennen, sie würden die Lebenswelt gemeinsam entdecken.

Ein Miteinander, das die Entwicklung positiv gestalten kann

Manchmal heißt es, dass die Eltern von nicht behinderten Kindern Angst haben, dass die Klassen durch den gemeinsamen Unterricht nur ein geringeres Leistungsniveau schaffen könnten. Aber auch die Eltern der behinderten Kinder haben Angst vor Überforderung ihrer Kinder. 

Es gibt zu allem zahlreiche Untersuchungen, die Herr Höcke leider wohl noch nicht kennt. Sie sind sich einig darin, dass die Bedenken von beiden Seiten unbegründet sind. Eher wird die Persönlichkeits- und Lernentwicklung gefördert, Leistungen verbessern sich – auf beiden Seiten. 

Herrn Höcke – auf Telegramm jedenfalls – könnte man entgegenkommen: Sicher muss man jedes Kind genau im Blick haben – Eltern und Lehrer gemeinsam – und klären, ob es besser auf eine Regelschule gehen sollte oder eine Förderschule für das Kind der richtige Ort ist. Aber das Recht zum gemeinsamen Lernen, das haben alle. Heute zählt man etwa 330.000 Schüler, denen noch keine Türen dazu offenstehen. Björn Höcke radikalisiert – aber deckt damit nicht nur ein Problem in Thüringen auf. 

Und er vergißt die Sache der sozialen Kompetenz. Die kommt selbstverständlich dazu. Mit Schweiß -auch im Treppenviertel.

H. Plank (9.2023)

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Höcke-Telegram am 11.8.: „Als Lehrer mit langjähriger Berufserfahrung, der sich stets für seine Schüler engagiert hat, weiß ich, wie wichtig die bestmögliche individuelle Förderung für jedes Kind ist. Schule soll unseren Nachwuchs für ein eigenständiges Leben vorbereiten. Für meine Kritik am »Ideologieprojekt Inklusion« erntete ich harsche Missbilligung durch die Medien, allerdings beruht meine Einrede auf Erfahrung: Je nach Art der Behinderung ist die Regelschule mit der Erfüllung der Lernbedürfnisse der betroffenen Schüler einfach überfordert. Deutschland leidet unter einem chronischen Lehrermangel und in der Folge an überfüllten Schulklassen – wie soll hier gewährleistet werden, dass einem Kind mit Behinderung die benötigte Lernumgebung zur Verfügung gestellt wird? Kinder und Jugendliche sollten nicht unter Lernstress gesetzt werden, weil man sie um jeden Preis durch die Regelschule zwingen will. Vielmehr ist es an der Zeit, den Förderschulen wieder die entsprechende Anerkennung zukommen zu lassen, wo kleine Klassen und gut ausgebildetes pädagogisches Personal die Bedürfnisse der Schüler erfüllen können.Gerade die Lebenshilfe sollte wissen, wie wichtig es ist, spezielle Fördermöglichkeiten und Schutzräume für Menschen mit Behinderung jeden Alters zu schaffen. In diesem Rahmen kann dann auch später eine Eingliederung in das Erwerbsleben erfolgen. Inklusion um jeden Preis jedoch dient häufig eher dem Ehrgeiz von Eltern und Pädagogen als den Interessen der Betroffenen. So und nicht als Missachtung der Betroffenen möchte ich meine Einrede gegen das »Ideologieprojekt Inklusion« verstanden wissen. Wertschätzung für Menschen mit Behinderung darf sich nicht daran bemessen, welche Schulform sie besucht haben, sondern daran, dass man sie so akzeptiert, wie sie sind.“

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