Blankenese im Gespräch

75 Jahre Kriegsende: „finis belli hamburgensis“

Aus den Aufzeichnungen eines Blankeneser Schülers im Jahre 1945.
Peter Schmidts Tagebuch:
Seit 1941 dokumentierte er akribisch seinen Alltag im Krieg.

75 Jahre liegt der „Tag der Befreiung“ jetzt zurück. Obwohl Hitler und die NSDAP in Blankenese durchaus Zustimmung fanden, wurde das Kriegsende auch hier als Erleichterung wahrgenommen. Durch die Aufzeichnungen eines Blankeneser Schülers, Peter Schmidt, lassen sich die letzten Kriegswochen in Blankenese miterleben:

20.04.1945  

Heute ist der Unglückstag des Deutschen Volkes [gemeint ist Hitlers Geburtstag]. 9.10 Fliegeralarm! […] In den Schwarzen Bergen [Bei Harburg] wird gekämpft. Man sieht vom Bismarckturm es überall brennen und Einschläge von Granaten.

23.04.1945

Heute Morgen war ich auf dem Bismarckstein. Vor Wittenbergen war ein Dampfer auf Strand gelaufen, der einen Volltreffer erhalten hatte. Im Strom lag ein weiterer Dampfer mit starker Schlagseite. […] Die Artillerie schießt sehr genau.

25.04.1945

Eben knatterte es furchtbar und wurde taghell draußen!?? In der Ferne hört man es schießen.

02.05.1945

Gestern Abend 22.00 ging die Nachricht über den deutschen Rundfunk, daß Hitler gefallen sei. Dönitz ist sein Nachfolger. Der Kampf geht weiter!

Dies schrieb Peter Schmidt während der letzten Kriegswochen in sein Tagebuch. Der 15-Jährige war damals Schüler am Gymnasium Blankenese. In roter Schrift ergänzt er am Abend des 2. Mai 1945:

20.30 Kaufmann [Gauleiter Hamburgs] hat gesprochen. Hamburg wird übergeben!! Morgen werden die Alliierten einrücken.

So werden wir nun erlöst nach 5 Jahren, 8 Monaten, 2 Tagen Krieg! Mit dem Tod des größten Kriegsverbrechers aller Zeiten findet der Krieg sein Ende. Berlin ist fast vollständig gefallen.

FINIS belli Hamburgensis

04.05.1945

Morgen darf man zwischen 9 und 18.00 auf die Straße. An die Haustür muß die Personenzahl angeschlagen werden. «

Vier Tage später vermerkt er Folgendes:

08.05.1945

Alle deutschen Truppen haben kapituliert. Heute Morgen um 2.41 wurde die Kapitulation von Jodl unterzeichnet. Um 24.00 werden die Kampfhandlungen eingestellt.

DAMIT IST DER KRIEG ZU ENDE

Erleichterung bei Kriegsende in Blankenese. Zwar hatten nur wenige Bomben den Ort im Kriegsverlauf getroffen und im Vergleich zu der großflächigen Bombardierung Hamburgs war das Ausmaß der Zerstörung in Blankenese eher gering. Am 18. April 1942 detonierte in der Elbe, nahe des Strandwegs 70, eine Luftmine. Ein verhängnisvoller Ortungsfehler hatte die Zerstörung der Alten Post in der Blankeneser Bahnhofstraße und umliegender Häuser im März 1943 zur Folge. 1944 fiel eine Splitterbombe in der Mörikestraße. Auch der Westflügel der Gorch-Fock-Schule fiel im Oktober 1944 einer einzelnen Luftmine zum Opfer. Die sonntägliche Ausgeherlaubnis der darin untergebrachten Hitlerjungen verhinderte an diesem Tag Todesopfer.

März 1943, Trümmerstätte Auguste-Baur-Straße/ Banhofstraße, heutiger Martiniblock
Frühjahr 1944, Nebeltonnen ausgelöst bei Fliegeralarm zur Verschleierung der Sicht

Blankenese war glimpflich davon gekommen. Ständiger Fliegeralarm aber gehörte in den letzten Kriegsmonaten zum Alltag und beeinflusste das Leben der Blankeneser. Aus den Aufzeichnungen Peter Schmidts erfahren wir, wie das Kriegserleben eines Blankeneser Schülers aussah. Minutiös dokumentierte er Öffentliche Luftwarnungen (ÖLW) und Fliegeralarm. So steht zum 16. April 1945 geschrieben:

Seit dem 22.02.44 haben wir 350 ÖLW, 217 mal Fliegeralarm, 18 Störangriffe und 28 Luftangriffe gehabt.

Viele Unterrichtsstunden entfielen aufgrund dieser andauernden Bedrohung. Davon und auch von der brach liegenden Infrastruktur, dem fehlenden Gas, Wasser und Licht berichtete der Schüler. Umso mehr scheint aus seinen Tagebucheinträgen die Erleichterung über die Befreiung von Krieg und Nazi-Herrschaft hervorzugehen, die bei vielen Menschen im Land Einzug hielt. Stück für Stück kehrte die lang ersehnte Normalität zurück:

10.05.1945 Himmelfahrt


Heute ist ein richtiger Sommertag. Wir haben im Garten Kaffee getrunken und Abendbrot gegessen.

Die Jahre des Krieges und der Unrechtsherrschaft hatten auf Peter Schmidt einen so prägenden Einfluss, dass er nach dem Krieg die Schülerzeitung „Stimme der Jugend“ gründete. Ausgabe für Ausgabe setzte er sich darin kritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, unter anderem am Gymnasium Blankenese, auseinander. Dabei probierte er erste Schritte auf dem Weg zu einer neuen demokratischen Gesellschaft.
Zeitlebens blieb Peter Schmidt ein engagierter und gegenüber jeder Absolutheit beanspruchenden Wahrheit skeptischer Mitbürger.

In einem Gedicht verarbeitet er im August 1945 die Erlösung von den Schrecken des Krieges:

»Friede ist auf Erden wieder,
Alle Schrecken sind vorbei.
Langsam kehret jetzt auch wieder
Die Freiheit nach der Tyrannei.

Alle finstren Mächte sind verschwunden,
ihre Spuren sieht man noch.
Ach, noch bluten viele Wunden,
aber heilen tun sie doch.

Aus Schutt und Ruinen steiget
Die neue Zeit hervor.
Den, der sich vor Gott neiget,
hebt sie ans Licht empor.«

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