Blankenese im Gespräch

Der Friedhof in Blankenese

Heimat, letzte Ruhestätte, Ort der Erinnerungen

Nicht nur das graue Novemberwetter, auch Gedenktage wie Allerseelen, Volkstrauertag und der Ewigkeitssonntag erinnern uns in diesem Monat ganz besonders an die Endlichkeit unseres Lebens. Dazu kommen in diesem Jahr Bilder, die der Pandemie geschuldet sind, Bilder von verstorbenen oder sterbenden Menschen durch das Virus. Wie nie zuvor werden wir jeden Tag daran erinnert, dass unser Leben begrenzt ist, dass wir den Tod nicht ausklammern können. Vera Klischan hat sich mit Ulrike Drechsler, die den Blankeneser Friedhof leitet, über Bestattungskultur im 21. Jahrhundert unterhalten, über das, was sich ändert, aber auch über das, was unverrückbar wichtig bleibt.

Nicht nur im November gedenken wir den Toten, besuchen ihre Gräber und legen Blumen oder Gestecke nieder
Nicht nur im November wird den Toten gedacht, wer die Gräber besucht, bringt oft Blumen oder ein Gesteck zum Andenken mit © Vera Klischan

Liebe Frau Drechsler, Sie leiten den Friedhof Blankenese. Erzählen Sie mir etwas über ihre Arbeit. Welche Aufgaben haben Sie?

Viele!! Ich habe ein vielfältiges Aufgabenfeld. Die wichtigste ist die Betreuung der Angehörigen, um gemeinsam ein Grab auszusuchen. Dazu organisiere ich Veranstaltungen für Trauernde und Besucher. Es gibt regelmäßige Andachten, z.B. an jedem ersten Samstag im Monat und alle zwei Monate eine Erinnerungsandacht für diejenigen, die in diesem Zeitraum verstorben und beigesetzt sind. Nach der Andacht besuchen wir gemeinsam die Gräber und trinken Kaffee. Das geht zur Zeit wegen Corona nicht.  Am Ewigkeitssonntag halten wir in jedem Jahr eine Andacht in der Kapelle, zu der jeder willkommen ist. In diesem Jahr wird draußen am Jona eine „open air“- Andacht stattfinden.

Die Jona-Stele, geschaffen von Fritz Fleer

Hat sich die Situation auf dem Friedhof durch Corona verändert?

Ja! Für Trauerfeiern und Begräbnisse sind nur 20 Personen in der Kapelle zugelassen. Viele Familien entscheiden sich zur Zeit aufgrund der Situation für eine Zeremonie am Grab. Draußen sind mehr als 20 Personen erlaubt, natürlich unter Wahrung der Abstandsregelung. Die Trauergemeinden sind im Moment auch durch das Reiseverbot sehr klein. 

Sind Erdbestattungen heute noch der „Normalfall“?

Nein, schon lange nicht mehr!! Derzeit gibt es nur noch 25% Sargbestattungen und 75% Urnenbeisetzungen.

Grabreihe am Blankenese Friedhof © Vera Klischan

Welche alternativen Formen der Bestattung gewinnen an Bedeutung?

Die Urnenbeisetzungen mit den unterschiedlichen Möglichkeiten. Eine rein anonyme Bestattung passt nicht zum kirchlichen Friedhof. Wir gehen davon aus, dass Gott jeden kennt. Zu dieser Überzeugung passt aus unserer Sicht keine anonyme Bestattung. Deswegen gibt es nur ein namenloses Urnenfeld auf diesem Friedhof. Die allermeisten Urnen werden mit Namenschild beigesetzt. Die Naturbestattungen im Wald oder auf einer Rasenfläche nehmen stark zu. Auch da gibt es für jeden ein Namensschild. Die Angehörigen schauen sich die Grabstelle genau an. Sie wollen wissen, wo ihr Verstorbener liegt. Auch die Bestattungsvorsorge nimmt zu. Das heißt, dass man zu Lebzeiten seine Beisetzung plant.

Manchmal werden Urnen von Bestattern geschickt, die aus Kostengründen in Blankenese still beigesetzt werden. Diese Urnen werden einmal im Monat beigesetzt. Ohne Angehörige, aber mit Würde und christlichem Segen. 

Jeder kann seinen Individualismus ausleben, muss aber die Unveränderlichkeit des Ortes anerkennen. Innerhalb dieser Vorgaben kann man sich ausleben, z.B. Luftballons steigen lassen. Einmal wurde sogar ein Cadillac vorgefahren. 

An manchen Gräbern findet man eine Personalisierung über den Grabstein hinaus in Form von Fotos. Gibt es das auch hier auf diesem Friedhof?

Das ist hier erlaubt, ist aber bei uns im Norden nicht verankert. Das findet man eher in Süddeutschland und noch viel mehr in Südeuropa. 

Wie erklären Sie sich das Abrücken vom herkömmlichen Grab? Hat es etwas mit einem veränderten Familiengefüge zu tun? Oder auch mit den Kosten? 

Die Kosten sind es aus meiner Sicht eher nicht. Ausschlaggebender ist oft die Tatsache, dass die Familien nicht mehr zusammenwohnen. Die Kinder ziehen weg und niemand kann sich um das Grab kümmern. Deswegen werden Gräber mit einer eingeschlossenen Grabpflege für die gesamte Dauer der Grabnutzung sehr gern wahrgenommen, vor allem, wenn die Kinder weit weg sind oder wenn es gar keine gibt. Diese Gräber werden als Stauden – oder Rasengrab angelegt.

Nimmt die Zahl der christlichen Bestattungen ab?

Nein, das glaube ich nicht. Hier auf dem Friedhof können Mitglieder aller Religionsgemeinschaften beigesetzt werden. Auch die Vertreter der Religionen, z.B. ein Imam, können ihre Rituale abhalten, sofern sie den Ort in seinem Rahmen respektieren. So ist es nicht möglich, das Kreuz abzuhängen.  Auch Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, werden gelegentlich christlich beerdigt. Am Ende des Lebens wird der Beistand der Kirche wieder wichtig.  

Auf dem Blankeneser Friedhof werden Tote verschiedener Konfessionen begraben
Die Kapelle des Blankeneser Friedhofs © Vera Klischan

Glauben Sie, dass der Friedhof als Ort der Erinnerung an Bedeutung verliert?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Gerade jetzt an den Gedenktagen ist auf dem Friedhof viel los. Auch die Jüngeren brauchen einen Ort, an den sie ihre Trauer um die verstorbenen Eltern oder Großeltern tragen können. Auch Enkelkinder wollen wissen, wo die Oma begraben ist. Gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist ein Ort mit dem Namen des Verstorbenen wichtig für eine innere Zwiesprache. Der Friedhof verändert sich durch unterschiedliche Grabformen, aber als Ort des Gedenkens wird er Bestand haben.

Ist es möglich, dass der Tod durch die veränderte Bestattungskultur noch mehr aus dem öffentlichen Leben und damit aus dem Bewusstsein der Menschen verschwindet?

Nein, das glaube ich nicht! Trauerfeiern sind öffentliche Veranstaltungen. Zunehmend mehr Menschen beschäftigen sich mit ihrem Tod. Nein, ich sehe es eher anders herum. Der Tod ist etwas normaler geworden. Viele ältere Leute erzählen mir, dass sie mit ihren Kindern ihr Sterben nicht besprechen konnten. Das hat sich geändert. Im Rückblick war es oft ein gutes Gespräch innerhalb der Generationen. Das wird mehr.

Liebe Frau Drechsler, wenn Sie einen Wunsch an die Gesellschaft frei hätten, was würden Sie sich im Hinblick auf Ihre Arbeit hier auf den Friedhof mit dem Abschied vom Leben wünschen?

Dass man den Friedhof als normalen Ort mitten im Leben wahrnimmt, an dem man sich nicht fürchten muss.

Liebe Frau Drechsler, ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Zeit und Einblicke in Ihre Arbeit, die einen so wichtigen Platz einnimmt in unserer Gesellschaft. Zu Ihnen tragen die Angehörigen ihre Trauer ganz unmittelbar. Jeden Tag werden Sie mit dem Tod konfrontiert. Vielleicht ist aus dieser Erfahrung heraus jeder Tag besonders kostbar.


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