Buch des Monats: „Kälte“ von Szczepan Twardoch

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, meinte bekanntlich Franz Kafka. Selten lässt sich ein derart axtgleiches Buch lesen, wie der vorliegende neue Roman des schlesischen Schrifstellers Sczcepan Twardoch. 

©Wassermann

Verwoben in ein ganz erstaunliches erzählerisches Gewebe aus einer pseudoauthentischen Vorrede, die eine Begebenheit berichtet, die der Autor selbst erlebt haben will, erzählt Kälte in erster Linie die Lebensgeschichte des Schlesiers Konrad Wilduch, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederholt zwischen die Mahlsteine der Weltgeschichte gerät. Seine Odyssee durch die Kriege Mittel- und Osteuropas führt ihn schließlich in den Gulag, aus dem ihm jedoch tatsächlich die Flucht gelingt.

Hier beginnt aber nicht sein großes Glück. Vielmehr schildert der Roman die unendlichen Strapazen und unaussprechlichen Grausamkeiten, die das nun folgende Leben in der erbarmunslosen sibirischen Steppe für ihn bereit hält. Kurz gesagt: Ihm bleibt nichts, aber auch gar nichts erspart, was Menschen sich an schrecklichen Dingen antuen können. Wilduch ist dabei freilich abwechselnd Täter und Opfer – die moralische Frage kreist über dem Roman: Wie viel Gewalt kann einer aushalten, bevor er seine Menschlichkeit endgültig einbüßt? 

Twardoch schreibt aus einer ähnlichen, dem existenziell Bedrohlichen zugewandten Perspektive wie etwa Ernest Hemmingway, ohne sich dabei derselben Lakonie des Ausdrucks zu befleißigen. Seine Prosa ist vielmehr äußerst ausdrucksstark, farbig und gewitzt. Mit ihr erzählt er eine typische Geschichte über einen versehrten Menschen des 20. Jahrhunderts und verfolgt gleichzeitig die Spur der Quelle der unsäglichen Brutalität, die heute wieder von Russland ausgeht.

Rowohlt Berlin | 432 Seiten | 26 Euro

Buchhandlung Wassermann, Elbchaussee 577, 22587 Hamburg

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