Blankenese im Gespräch

Helga Rodenbeck – Im einsatz für Geflüchtete

Behördengänge, Formulare, Bleiberecht – oder ganz einfach Heimweh! Helga Rodenbeck ist seit 28 Jahren oftmals der rettende Anker für Geflüchtete in den Unterkünften Björnsonweg und Sieversstücken. Viele Probleme und Fragen sind es, die Frau Rodenbeck in den vergangenen Jahrzehnten lösen musste. Vera Klischan hat sie getroffen, um ein wenig mehr über die Menschen zu erfahren, die in Blankenese und Sülldorf in unserer Mitte leben. 

Liebe Frau Rodenbeck, Ihr Name ist untrennbar mit den Geflüchteten in Blankenese verbunden. Erzählen Sie mir, wie es dazu kam.

Seit 28 Jahren bin ich mit dem Thema Flüchtlingshilfe beschäftigt. Der Auslöser war unsere Tochter, die in der Gorch-Fock-Schule eine polnische Mitschülerin hatte und mit ihr spielen wollte. Für diese Verabredung bin ich mit ihr in die Unterkunft am Björnsonweg gefahren. Als die Familie uns die Tür öffnete, fühlte ich mich durch die Herzlichkeit und Wärme wie von einem Lichtschein umgeben und empfand plötzlich eine Bestimmung, mich mit dem Thema weiter zu beschäftigen. Die polnische Familie wurde abgeschoben, aber eine Iranerin in der Unterkunft ermunterte mich, mich um weitere Flüchtlingsfamilien zu kümmern. So hat es sich entwickelt, zunächst als Ehrenamt wegen meiner noch kleinen Kinder. Da ich von Beruf Sozialarbeiterin bin, habe ich mich nach einem Jahr auf eine Stelle beworben, die ich glücklicherweise im Björnsonweg antreten konnte. Als die Unterkunft am Björnsonweg geschlossen wurde, gelang es dem Runden Tisch Blankenese Hilfe für Geflüchtete mit großem Einsatz vielen Bewohnern einen Umzug in die nahegelegene Unterkunft Sieversstücken in Sülldorf zu ermöglichen. Dorthin wechselte ich ebenfalls. 

Heute habe ich mein Büro im Pastorat von Pastor Poehls und bin zuständig für die Flüchtlingsberatung in der evangelisch-lutherischen Kirche in Blankenese. Nach wie vor habe ich enge Kontakte mit den beiden Unterkünften Sieversstücken und Björnsonweg, die vor drei Jahren eröffnete. Darüber hinaus bin ich für den „Runden Tisch Blankenese“, sowie für das „Bunte Haus Blankenese“ zuständig. 

Foto: Helga Rodenbeck/privat

Wo sind die Geflüchteten zur  Zeit untergebracht? Wieviel sind es?

In der Unterkunft am Björnsonweg leben etwa 170 Geflüchtete. Sieversstücken ist mit über 700 Bewohnern deutlich größer. Dazu gibt es noch Suurheid mit Wohnungen von der AWO. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass es uns gelungen ist, für mehrere der Geflüchteten Wohnungen in der Nähe zu finden, unter anderem in Rissen und in Blankenese. 

Welche Nationalitäten sind vertreten?

Zum jetzigen Zeitpunkt Afghanen, Syrer, Iraner, Iraker, Afrikaner und einige Menschen vom Balkan. Viele Afghanen kommen aus dem Iran, wohin sie schon vor Jahren geflüchtet waren. 

Welches sind die Hauptfluchtursachen?

Aus meiner Sicht der Krieg in Syrien. Viele kommen wegen religiöser Verfolgung und massiver Benachteiligungen, die sie beispielsweise als Christen im Iran und als Afghanen wegen Nichteinhaltung der strengen religiösen Vorschriften erdulden mussten. So treffen sich viele christliche Gruppen im Iran heimlich in „Hauskirchen“, wobei sie dann immer Gefahr laufen, denunziert zu werden – sogar von der eigenen Verwandtschaft. Wegen ähnlicher massiver Schwierigkeiten und Gefährdungen fliehen auch viele Afghanen. Wirtschaftliche Gründe sind nach meinem Kenntnisstand nur bei sehr wenigen ausschlaggebend. 

Unterkunft am Björnsonweg Foto: Vera Klischan

      Welches sind die größten Probleme der Geflüchteten?

Gesetzliche Vorgaben in Deutschland! Nicht wenige der Geflüchteten leben viele Jahre in Unsicherheit mit der Frage: „Darf ich bleiben oder nicht?“  Sehr viele lernen mithilfe von Ehrenamtlichen deutsch, obwohl sie nicht wissen, ob sie bleiben können. Selbst Menschen in systemrelevanten Berufen, die dringend gebraucht werden, wie z.B. Altenpfleger, werden abgeschoben. Hamburg geht dabei toleranter vor als andere Bundesländer.  Die Arbeitserlaubnis hängt vom Bleiberecht ab. Dennoch erhalten viele der Geflüchteten aufgrund ihres ungesicherten Bleiberechts jahrelang keine Arbeitserlaubnis. Verschärft wird diese Situation auch dadurch, dass ihnen der Zugang zu Deutschkursen massiv erschwert wird. Dies führt nicht selten dazu, dass sie nicht in der Lage sind, die erwartete Unterstützung der Familie zu gewähren. Mehrere müssen über Jahre mit 120 Euro im Monat leben. Hierdurch entsteht eine extreme Drucksituation wegen des „Nichthelfenkönnens“. 

Welche Rolle spielen der „Runde Tisch“ und das „Bunte Haus“?

Der „Runde Tisch“ feierte inzwischen sein 25-jähriges Jubiläum! Die Mitglieder, die aus den Elbvororten und auch aus Wedel kommen, treffen sich einmal im Monat. Sie geben Deutschunterricht, begleiten bei Behördengängen, organisieren die Lebensmittelausgabe in Verbindung mit den Spenden von Lidl und der Bäckerei Körner, veranstalten Ausflüge und Projekte zur Kinderbetreuung. In Sieversstücken wurden ein Fotoprojekt ins Leben gerufen, sowie ein wöchentliches Frühstück- und Kaffeeangebot und Deutschunterricht. Ganz wichtig sind auch zu erwähnen die Kleiderkammer in Sieversstücken jeden Donnerstag von 15-17 Uhr, die Fahrradwerkstatt und die Nähgruppe.

Zum Bunten Haus:  Frau Castelli vom Runden Tisch hatte den Wunsch einer Begegnungsstätte. Vom Hamburger Abendblatt hatte der Runde Tisch einen Geldpreis gewonnen, den ein Spender großzügig erhöhte. Zum Glück fanden wir Eigentümer, die bereit waren, uns schöne, zentral gelegene Räumlichkeiten zu vermieten. Diese sind nunmehr zu einem wichtigen Treffpunkt geworden, der Geflüchtete und interessierte Bürger aus dem Hamburger Westen zusammenführt. Normalerweise findet dort jeden Samstag um 11 Uhr ein „Komm herein“ statt: Zeit für Gespräche bei Kaffee und Tee. Es gibt dort auch eine Schachgruppe, eine Fotogruppe, eine Malgruppe, zudem wird deutsch im Einzelunterricht erteilt.  Die Fotogruppe hat bereits zwei Preise gewonnen und zwei Bücher herausgebracht, die gegen einen kleinen Erlös abgegeben werden können. Durch Corona allerdings sind alle Treffen eingeschränkt. 

Trommelgruppe in Sieversstücken
Foto: Helga Rodenbeck/privat

Wie können wir im Stadtteil helfen?

Viele der Geflüchteten würden sich über Kontakte zu uns freuen. Also auf die Geflüchteten zugehen, Angebote machen! Den Geflüchteten Blankenese und Hamburg zeigen, gemeinsam ein Eis essen, sie unser Familienleben kennenlernen lassen, durch beispielsweise eine Einladung zum Essen! Auch einmalige Treffen können wertvoll sein – für die Geflüchteten und für uns. Der unterschiedliche kulturelle und sprachliche Hintergrund kann neben vielen schönen Erfahrungen auch zu Irritationen führen, die gemeinsam geklärt werden können. Vielleicht sind die inzwischen zu Institutionen gewordenen „Gespräche mit Geflüchteten“ einmal im Monat im Gemeindehaus eine gute Möglichkeit, Kontakte zu finden. 

Möchten Sie gerne auf anderem Wege Kontakt mit einem Geflüchteten oder einer Familie aufnehmen? Dann stelle ich gern eine Verbindung her. Auch wenn Sie den Stundenplan unseres „Bunten Hauses“ erfahren wollen: schicken Sie mir eine Mail!

fluechtlingsberatung@blankenese.de

Sie machen eine verantwortungsvolle Arbeit, keinen „Dienst nach Stunden“. Warum? Wo ist Ihre Kraftquelle?

Seit meiner Kindheit war es für mich immer eine Freude, anderen Menschen helfen zu können. Bei meiner jetzigen Arbeit erhalte ich sehr viel Anerkennung, nicht nur von den geflüchteten Menschen. Die Dankbarkeit der Geflüchteten ist immens. Von ihnen erfahre ich unglaubliche Hilfsbereitschaft im Sinne von „Ihr habt mir geholfen, jetzt möchte ich euch helfen“. 

Es ist eine Freude zu sehen, wie die Blankeneser sowie gesellschaftliche Vereinigungen und staatliche Stellen unser Bemühen unterstützen. 

Abschließend möchte ich sagen: Danke für das gute Miteinander!

Liebe Frau Rodenbeck, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch.

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